Friedrich Wilhelm Quitsch – Biographie

Friedrich Wilhelm Quitsch wird am 28. Januar 1850 in Kelladden im Regierungsbezirk Königsberg geboren. Die Namen seiner Eltern und etwaiger Geschwister sind in der Familie nicht mehr bekannt. Amtliche Quellen, die darüber Auskunft geben könnten, sind zu großen Teilen im Zweiten Weltkrieg verlorengegangen oder ruhen an unzugänglichen Orten in der heute zur Russischen Föderation gehörenden Oblast Kaliningrad.

In den Wochen vor Friedrich Wilhelms Geburt finden in vielen deutschen Staaten Wahlen zum Erfurter Unionsparlament statt. Die Initiative zu diesem Gremium geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zurück und stellt den Versuch dar, nach der gewaltsam niedergeschlagenen Märzrevolution von 1848 einen kleindeutschen Bundesstaat unter preußischer Führung zu errichten. Einem entsprechenden, im Mai 1849 begründeten Dreikönigsbündnis zwischen Preußen, Sachsen und Hannover hatten sich bis Ende 1849 mehr als 20 weitere Staaten angeschlossen. Kategorisch abgelehnt wird das Projekt hingegen von Österreich, das sich stattdessen für ein Großösterreich oder eine Beibehaltung des Deutschen Bundes stark macht – eine seit 1815 bestehende lockere Verbindung souveräner Einzelstaaten, in der das Habsburgerreich weiter den Ton angeben und anders als im von Preußen angestrebten Nationalstaat mit seinen nicht-deutschsprachigen Provinzen als feste Einheit fortbestehen kann.

Die angestrebte Union steht jedoch von Beginn an unter keinem guten Stern. Demokraten und Liberale boykottieren die nach dem Drei-Klassen-Recht abgehaltene Wahl, weil sie das Projekt als Rückschritt gegenüber der gescheiterten Frankfurter Nationalversammlung betrachten. Manchen Fürstenhäusern wiederum gehen die mit dem Erfurter Parlament verbundenen Mitbestimmungsrechte des Bürgertums trotz mancher Abschwächung immer noch zu weit. Im Februar 1850 wechseln Hannover und Sachsen die Seiten und schließen sich mit Bayern und Württemberg zum Vierkönigsbündnis zusammen. Ziel ist ein möglichst großer und weder von Preußen noch Österreich dominierter Bundesstaat.

Eine verfahrene Situation, die sich im Herbst 1850 dramatisch zuspitzt. In Kurhessen, dessen Herrscher Friedrich Wilhelm I. beim formal noch zuständigen Deutschen Bund Truppen zur Beilegung innenpolitischer Probleme angefordert hatte, treffen Anfang November österreichische und preußische Verbände aufeinander. Es kommt zu einem Gefecht und beinahe zu einem Krieg der beiden Großmächte. Dieser wird nur abgewendet, weil Preußen unter Vermittlung Russlands im Olmützer Vertrag alle Pläne für die Erfurter Union aufgibt und einer Renaissance des Deutschen Bunds zustimmt. Damit finden alle Bestrebungen, das Bürgertum an der Macht im Staat zu beteiligen, ein vorläufiges Ende.

Wie fast überall in Deutschland gibt es Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Friedrich Wilhelms Heimat Ostpreußen starke liberale und demokratische Strömungen – verkörpert unter anderem vom Königsberger Hochschulprofessor Eduard Simson, der vorübergehend sogar als Präsident der Frankfurter Nationalversammlung amtiert. Inwieweit derartiges Gedankengut auch in eher abgelegene Bauerndörfer wie Kelladden vordringt, darüber lässt sich allerdings nur spekulieren. Ebenso darüber, unter welchen Bedingungen Friedrich Wilhelm dort seine Kinder- und Jugendjahre verbringt, wie er nach Schulabschluss und Konfirmation ins Berufsleben findet und wann er seine künftige Ehefrau Henriette Proplesch aus der von Kelladden rund zehn Kilometer nördlich gelegenen Moorkolonie Neu Heidendorf kennenlernt. Das Datum der Hochzeit liegt heute im Dunkeln, aus späteren Quellen sind lediglich Geburtsdatum und -ort des ersten Sohnes Hermann bekannt: 28. Dezember 1873 in Neu Heidendorf, knapp drei Jahre nach Gründung des preußisch geführten Deutschen Reiches.

Schon bald nach Hermanns Geburt steht ein Ortswechsel an. Der zweite Sohn Otto kommt in Carlsrode zur Welt, einem weiteren, heute nicht mehr exakt lokalisierbaren Dorf im Kreis Labiau. Laut Datenbank der Oldenburger Gesellschaft für Familienkunde markiert diese Lebensphase aus familiärer Sicht ein ziemlich deprimierendes Kapitel. Von sechs weiteren in Carlsrode geborenen Kindern (fünf Jungen, ein Mädchen) überstehen nämlich nur zwei die Säuglingsphase: Karl Ernst (Juni 1881) und Wilhelm (März 1884). Erste namentlich bekannte Tochter ist Martha, geboren im August 1886 in Tunnischken.

Man kann davon ausgehen, dass Friedrich Wilhelm in Carlsrode und auch in Tunnischken im weitesten Sinne in der Landwirtschaft arbeitet – sie ist in der Region im ausgehenden 19. Jahrhundert der mit Abstand größte Wirtschaftszweig. Gegen diese Auslegung spricht keineswegs, dass Friedrich Wilhelm in späteren Quellen als „Steinsprenger“ bezeichnet wird: Auf den Äckern der großen ostpreußischen Güter liegen schließlich massenhaft Findlinge, die das Pflügen mit modernen Maschinen behindern und deshalb beseitigt werden müssen. Sehr wahrscheinlich rutscht Friedrich Wilhelm mehr oder weniger zufällig in diesen Arbeitsbereich hinein (eine spezielle Ausbildung dafür ist nicht vorgeschrieben) und eignet sich den Umgang mit Dynamit und anderen Hilfsmitteln nach und nach an.

Wann fällt Friedrich Wilhelm die Entscheidung, mit seiner Familie Ostpreußen zu verlassen? Und warum siedelt er ausgerechnet nach Colnrade in der damaligen Provinz Hannover über? Etwas ungewöhnlich ist das schon – zieht es doch die meisten seiner abwanderungswilligen Landsleute eher in die aufstrebenden USA oder ins Ruhrgebiet. Vermutlich hat die Entscheidung mit Friedrich Wilhelms Spezialisierung zu tun: Die Wildeshauser Geest, zu der Colnrade gehört, ist wie Ostpreußen reich an geologischen Hinterlassenschaften der jüngsten Eiszeit. Für Steinsprenger wie ihn gibt es vor Ort also durchaus ein Betätigungsfeld.

Als im Mai 1889 Friedrich Wilhelms Tochter Bertha Emilie geboren wird, lebt er mit seiner Familie bereits im Colnrader Ortsteil Austen. An der bitteren Erfahrung, allzu früh von einem neu hinzugekommenen Abkömmling Abschied nehmen zu müssen, ändert sich durch den mehr als 800 Kilometer Luftlinie überbrückenden Umzug allerdings zunächst wenig: Auch Bertha Emilie verstirbt nach nur wenigen Wochen, ohne dass das örtliche Kirchenbuch eine genaue Todesursache nennt. Anders beim im September 1890 im Colnrader Ortsteil Beckstedt geborenen Sohn Heinrich. Er übersteht das zu jener Zeit in allen Regionen des Deutschen Reichs kritische Säuglingsalter und begleitet seine Eltern und die älteren Geschwister nach Dingstede, wo im Mai 1895 für Friedrich Wilhelm und Henriette ein weiterer, auf den Namen Johann getaufter Sohn hinzukommt. Zwei Monate später ertrinkt dessen als Schneidergeselle in Goldenstedt tätiger Bruder Otto laut Sterbebuch der Kirchengemeinde Wildeshausen in der Hunte.

Der im Juni 1898 vermerkte Geburtsort Hurrel für Friedrich Wilhelms und Henriettes mutmaßlich dreizehntes und letztes Kind Gesine Sophie deutet nicht zwangsläufig auf einen erneuten Wechsel des Wohnortes hin. Denn in Dingstedes nördlichem Nachbardorf sind seit 1897 der älteste Sohn Hermann und dessen Ehefrau Johanne ansässig – sehr wahrscheinlich tut Gesine Sophie auf deren neugegründetem Hof am Hasenlager (heute: Markus und Marlies Pape) ihren ersten Schrei. Doch auch ihr ist kein langes Leben beschieden. Sie stirbt im Juli 1899 durch einen tragischen Unglücksfall, getroffen von der Kugel eines unbeabsichtigt losgehenden Jagdgewehrs. Im Juni 1900 überquert Sohn Wilhelm, erst wenige Monate zuvor 16 Jahre alt geworden, den Atlantik und lässt sich in Alaska nieder.

Wo genau Friedrich Wilhelm zu jener Zeit in Dingstede wohnt, ist heute nicht mehr bekannt. Bei der Geburt der jüngsten Tochter Gesine Sophie lautet der Kirchenbuch-Eintrag zur Berufsbezeichnung „Heuermann und Steinarbeiter“. Das spricht dafür, dass er mit seiner Familie im Heuerhaus irgendeines örtlichen Bauern untergekommen ist, auf dessen Hof und vielleicht auch auf anderen Höfen im Dorf aushilft und nebenher bei Bedarf weiter als Steinsprenger tätig ist. Finanziell scheint dabei durchaus die eine oder andere Mark hängenzubleiben. Jedenfalls hat Friedrich Wilhelm die Mittel, in Altmoorhausen einige Hektar Land zu kaufen und dort 1904 eine Hofstelle (heutiger Eigentümer: Gerno Wiechmann) zu errichten. Beim letzten Umzug der Familie mit dabei sind neben Ehefrau Henriette noch die Söhne Karl Ernst, Heinrich und Johann.

In Altmoorhausen verlegt sich Friedrich Wilhelm mehr und mehr auf die Landwirtschaft. Welchen der drei genannten Söhne er dabei als potentiellen Nachfolger im Sinn hat, lässt sich nur vermuten. Noch vor dem Ersten Weltkrieg schränkt dann allerdings ein weiterer tragischer Unglücksfall die Auswahl weiter ein: Heinrich Quitsch, der seine Militärzeit in Westpreußen ableistet, findet im Juli 1913 bei Willenberg wie zuvor schon der ältere Bruder Otto den Tod durch Ertrinken – mutmaßlich in der Nogat, einem Mündungsarm der Weichsel. Johann Quitsch, bei Kriegsausbruch im August 1914 gerade einmal 19 Jahre alt, wird zur kaiserlichen Armee eingezogen und fällt im Februar 1917 an der Westfront. Ebenfalls zu den Opfern des mehr als vier Jahre lang dauernden Krieges gehört Friedrich Wilhelms ältester, in Lintel wohnender Sohn Heinrich: Er infiziert sich an der Ostfront mit Malaria und stirbt im Oktober 1916 in einem Kriegslazarett in der heutigen nordmazedonischen Hauptstadt Skopje.

Als der Krieg im November 1918 mit dem Waffenstillstand von Compiègne endet, ist Friedrich Wilhelm 68 Jahre alt. Den Hof führt fortan der einzig verbliebene (den Auswanderer Wilhelm nicht mitgerechnet) Sohn Karl Ernst weiter. Er heiratet im Juni 1921 Anna Müller aus Phiesewarden bei Nordenham. Inwieweit Friedrich Wilhelm Sohn und Schwiegertochter in seinen letzten Lebensjahren noch unterstützen kann, lässt sich einmal mehr nur vermuten. Allem Anschein nach leidet er im Alter zunehmend an Asthma – eine Krankheit, die ihn nach einem finalen Anfall am 27. April 1922 das Leben kostet. Beerdigt ist Friedrich Wilhelm vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.