Martha Christiana Johanna Klokow wird am 29. Oktober 1887 in Elisenbruch in Westpreußen geboren. Sie hat mindestens zwei Schwestern, deren Namen aber heute in der Familie nicht mehr bekannt sind.
In den Wochen nach Marthas Geburt beherrscht vor allem ein Thema die Schlagzeilen der deutschen Presse: die Erkrankung des Kronprinzen Friedrich an Kehlkopfkrebs. Der designierte Nachfolger von Kaiser Wilhelm I. leidet schon seit Jahresbeginn unter Heiserkeit. Als seine Leibärzte im Frühjahr 1887 nach mehreren Untersuchungen einen bösartigen Tumor als Ursache benennen und zu einer Operation raten, lässt Friedrich den renommierten Londoner Kehlkopf-Spezialisten Morell Mackenzie nach Berlin bitten. Der widerspricht zunächst dem Krebs-Verdacht – gestützt auf den negativen Befund des Pathologen Rudolf Virchow hält er die erkannte Geschwulst für gutartig.
Auf Mackenzies Rat tritt Friedrich eine Kur-Reise durch Südeuropa an, die ihn am 2. November 1887 nach Sanremo führt. Dort lässt sich die bittere Wahrheit dann nicht länger verdrängen. Der ebenfalls zu Rate gezogene Wiener Mediziner Leopold Schrötter von Kristelli bestätigt die Vermutung seiner deutschen Kollegen, so dass dem Kronprinzen im Grunde genommen nur zwei Möglichkeiten bleiben: Kehlkopfentfernung oder Luftröhrenschnitt. Ersteres lehnt Friedrich kategorisch ab. Die Welle der Anteilnahme, die Friedrich nach der offiziellen Bekanntgabe der Diagnose aus der Bevölkerung entgegenströmt, ist groß.
Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Geschwulst wächst weiter, akute Erstickungsanfälle erzwingen am 9. Februar 1888 den Luftröhrenschnitt. Der zum Ärzte-Team gehörende Chirurg Fritz Gustav Bramann führt die lebensrettende Operation in Sanremo durch, lässt den Patienten dadurch jedoch für immer verstummen. Währenddessen liegt in Berlin Kaiser Wilhelm, inzwischen 90 Jahre alt, im Sterben. Sein Tod am 9. März 1888 macht Friedrich zum Kaiser.
In den 99 Tagen, die Friedrich für sein Amt bleiben, versucht er wie von fortschrittlich denkenden Mitgliedern des Reichstags erhofft noch einige liberale Akzente zu setzen: Er nötigt den konservativen preußischen Innenminister Robert von Puttkamer zum Rücktritt und verfügt eine Amnestie für wegen Presse-Vergehen Verurteilte. Weiterreichende Pläne hingegen verpuffen. Friedrich kann sich zu diesem Zeitpunkt nur noch durch Gesten und beschriebene Zettel verständigen. Er stirbt am 15. Juni 1888 – beerbt von seinem ältesten Sohn, der als Wilhelm II. den Thron besteigt.
Wie sich Deutschland unter einem gesunden Friedrich III. weiterentwickelt hätte, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen – und dürfte es im Sommer 1888 anfangs auch in den einzelnen Provinzen des Reiches gewesen sein. Nach den offiziellen Trauerfeierlichkeiten allerdings kehrt rasch der Alltag ein. In Marthas westpreußischer Heimat gehört dazu unter anderem der sich verschärfende Konflikt zwischen Einheimischen deutscher und polnischer Nationalität: Letztere sehen sich durch zahlreiche Ausweisungen und die vom Staat geförderte Ansiedlung deutscher Zuwanderer auf zuvor Polen gehörendem Grund und Boden mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Elisenbruch ist dafür ein gutes Beispiel: Seinen deutschen Namen erhält das Dorf erst 1873 – und obwohl die umliegende Region überwiegend dem polnischen Sprachgebiet angehört, wird in den Volksschulen ausschließlich auf Deutsch unterrichtet.
Ob (und wenn ja wie) dieses nationalistisch aufgeheizte Klima Marthas Kindheit beeinflusst, darüber lässt sich nur spekulieren. Auch sonst sind keinerlei belastbare Fakten aus ihrer Kinder- und Jugendzeit bekannt. Das erste schriftlich dokumentierte Ereignis nach der Geburt ist die am 29. September 1913 geschlossene Ehe mit Paul Hoppe – zu diesem Zeitpunkt ist Martha bereits 25 Jahre alt. Eine Verbindung, die vor dem Hintergrund des im August 1914 ausbrechenden Ersten Weltkriegs allerdings nur kurz Bestand hat: Als Soldat der Kaiserlichen Marine lässt Paul Hoppe am 24. Januar 1915 beim Untergang des von britischen Einheiten versenkten Panzerkreuzers „Blücher“ in den kalten Fluten der Nordsee sein Leben.
Mit ihrem zweiten, ebenfalls verwitweten Ehemann Franz Klokow und dessen 1907 geborenem Sohn Kurt lässt Martha sich nach dem Ende des Krieges in der pommerschen Provinzstadt Stargard nieder. Dort bringt sie im Oktober 1921 Tochter Lieselotte zur Welt. Franz Klokow ist Reichsbahner, verfügt also über einen halbwegs krisensicheren Arbeitsplatz. Das hilft der Familie, die Wirren der Inflationszeit zu überstehen – mag Martha auch so manches Mal halb staunend, halb verzweifelnd vor den sich nahezu stündlich ändernden Preisschildern in den Auslagen der Lebensmittelgeschäfte und Kaufhäuser stehen.
Dass Martha mit ihrer Familie ausgerechnet in Stargard landet, ist kein Zufall: Die Stadt nimmt in den frühen 1920er Jahren gezielt deutsche Reichsbürger aus den an die neu errichtete Republik Polen abgetretenen Provinzen Posen und Westpreußen auf. Zudem entsteht dort ein großes Eisenbahn-Ausbesserungswerk mit einer eigens für dessen Mitarbeiter errichteten Wohnsiedlung. Gebaut und renoviert wird in der Region, die für Martha 25 Jahre lang eine zweite Heimat werden soll, ohnehin viel – davon zeugt eine 1978 erschienene, von einem weiteren ehemaligen Einwohner niedergeschriebene Chronik.
Dem kurzen Aufschwung in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre folgt zehn Jahre nach Ausrufung der nur scheinbar gefestigten Weimarer Republik die nächste wirtschaftliche Krise. Ihren Anfang nimmt sie im Oktober 1929 in den USA, doch die Folgen sind bald auch in Deutschland spürbar. Sichtbarstes Zeichen: der sprunghafte Anstieg der Arbeitslosenzahlen von 1,3 Millionen (September 1929) auf 5,7 Millionen (Dezember 1931). In dieser schwierigen Zeit bricht Marthas Familie zwar nicht das Einkommen weg. Aber sie verliert ein Mitglied – im Oktober 1931 stirbt Kurt Klokow im Alter von nur 24 Jahren. Über die näheren Hintergründe dieses Todesfalls ist 95 Jahre später nichts mehr bekannt.
Die Ernennung des Nationalsozialisten Adolf Hitler zum Reichskanzler läutet im Januar 1933 das Ende der ersten Demokratie auf deutschem Boden ein. Besiegelt wird es mit einem zwei Monate später vom Reichstag beschlossenen Ermächtigungsgesetz, das Hitlers Regierung nahezu unbegrenzte Freiheiten zugesteht und den Weg in den diktatorischen NS-Staat ebnet. Danach sinken zwar die Arbeitslosenzahlen. Das hat jedoch weniger mit nationalsozialistischer Wirtschaftskompetenz zu tun als vielmehr mit der Fortsetzung schon unter den letzten Weimarer Regierungen begonnener Arbeitsbeschaffungsprogramme, der von 1934 an massiv hochgefahrenen Rüstungsproduktion sowie statistischen Kniffen: Landarbeiter, Forstarbeiter und zunehmend auch Frauen werden schlicht aus der Erwerbslosen-Statistik herausgerechnet.
Was Martha von alldem sowie den zunehmenden Repressalien gegen alle dem neuen Regime missliebigen Mitbürger mitbekommt, darüber lässt sich nur spekulieren. Überliefert für diese Zeit ist lediglich, dass Franz Klokow auch 1938 noch Mitarbeiter im Ausbesserungswerk der Reichsbahn ist – davon zeugt ein im Dezember jenes Jahres auf Martha ausgestellter, unter anderem zu Freifahrten berechtigender Personenausweis. Nur ein halbes Jahr später folgt dann mit dem Tod des Ehemanns ein weiterer Einschnitt in ihrem Leben.
Kaum zum zweiten Mal Witwe geworden, erlebt Martha Anfang September 1939 den von Hitler befohlenen Angriff auf Polen, der den nächsten Weltkrieg auslöst. Auch diesen Moment hält die bereits an anderer Stelle erwähnte Chronik für die Nachwelt fest: „Überall, in allen Gastwirtschaften und Kinos wurden die ausgegangenen Soldaten zur Kaserne gerufen, und noch am selben Abend bei fallender Dämmerung bewegte sich eine lange schweigende Kolonne von Militärautos durch die Bahnhof-, Hindenburg- und Königstraße nach Zartzig hinaus. Die Stargarder Garnison rückte ins Feld. Frauen am Straßenrand weinten, die Männer hatten ernste Gesichter.“ Und etwas weiter, den Alltag bei zunehmender Kriegsdauer beschreibend: „In mancher Nacht gingen die Luftschutzsirenen, und die Stargarder lernten, in die Luftschutzkeller zu kriechen. Feindliche Flugzeuge brummten über der Stadt, nachts hörten die angsterfüllten Menschen über Stettin die Bomben fallen und sahen, wie sich der Himmel rot färbte, hin und wieder sogar von Berlin herüber Bombenlärm und Feuersbrunst.“
Wann genau Martha und Tochter Lieselotte – und seit November 1942 mit Erich Kramp aus Insterburg verheiratet – angesichts der Anfang 1945 von Osten rasch näherrückenden Roten Armee den Entschluss zur Flucht fassen, liegt heute im Dunkeln. Dasselbe gilt für den genauen Ort, an dem sie im Mai 1945 das Ende des Krieges erleben. Möglicherweise haben sie bereits ihre Zwischenstation Heiligenstadt in Thüringen erreicht. Dort, im äußersten westlichen Zipfel der späteren sowjetischen Besatzungszone, harren beide die folgenden Monate aus und hoffen auf eine Nachricht von Marthas in britische Gefangenschaft geratenem Schwiegersohn.
Erich Kramp hat es nach seiner Entlassung nach Oldenburg verschlagen. Am 10. Dezember 1945 verlassen deshalb Martha und Lieselotte Heiligenstadt und reisen mit ihren wenigen Habseligkeiten Richtung Nordwesten. In Oldenburg angekommen, beziehen alle drei eine kleine Wohnung in der Winkelmannstraße. Während Erich bald Arbeit in seinem erlernten Beruf als Friseur findet, wird Lieselotte – ebenfalls ausgebildete Friseurin – schwanger und bringt im November 1946 Marthas erstes und einziges Enkelkind Wolfgang zur Welt.
Als eine der wenigen größeren deutschen Städte ist Oldenburg im Krieg nahezu unzerstört geblieben. Das erleichtert den Neuanfang, der für Martha bereits der dritte ist. Und nicht der letzte bleiben soll: Als Erich und Lieselotte Anfang 1951 die Chance erhalten, sich im nahegelegenen Altmoorhausen mit einem eigenen Friseursalon selbstständig zu machen, lässt auch Martha das Stadtleben hinter sich. Womit sich in gewisser Weise ein Kreis schließt: Nach zweieinhalb Jahrzehnten in Stargard und der kurzen Station in Oldenburg lebt Martha nun wieder auf dem Dorf – wie einst in Elisenbruch, wo alles begonnen hat.
In Altmoorhausen wohnt Martha mit ihrer Familie zunächst bei Georg und Bernhardine Hemme, rund 200 Meter vom in einem Nebenraum der Dorf-Gaststätte von Anton und Grete Budde eingerichteten Friseursalon entfernt. Doch auch das ist nur eine Übergangsphase: Auf dem zuvor erworbenen Hintergrundstück des Hemme-Besitzes lassen Erich und Lieselotte 1958 ein kombiniertes Wohn- und Geschäftshaus errichten, in dem Martha nach Fertigstellung einen für sie abgetrennten Bereich bezieht.
So gern Martha sich mit ihren mittlerweile 71 Jahren in ihrem neuen Heim aufhält, so gern geht sie auch auf Reisen. Bevorzugt natürlich mit der Bundesbahn, deren Züge sie als Eisenbahner-Witwe weiter kostenfrei nutzen kann. So kommt auch Enkel Wolfgang in den Genuss so manchen Ausflugs, den seine Großmutter mit ihm unternimmt. Daneben betätigt sich Martha bis ins hohe Alter im hauseigenen Garten.
Bei zufriedenstellender Gesundheit kann Martha in Altmoorhausen ihren 80. Geburtstag und – im Oktober 1972 – auch ihren 85. Geburtstag feiern. Nur zwei Wochen darauf jagt ihr dann der über Norddeutschland hinwegfegende Jahrhundertsturm „Quimburga“ einen Riesenschrecken ein, von dem sie sich nie mehr ganz erholt. Sie baut massiv ab und stirbt nach einer längeren Phase häuslicher Pflege am 30. Dezember 1973. Bestattet ist Martha vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.