Hilde Bleckwehl – Biographie

Hildegard Martha Hedwig Bleckwehl – Rufname Hilde – wird am 8. Juni 1921 als mutmaßlich einziges Kind von Elisabeth Großmann in Breslau geboren. Der Name ihres Vaters ist heute nicht mehr bekannt.

In den Tagen um Hildes Geburt geht der Dritte Schlesische Aufstand in seine fünfte Woche. Es ist der finale Akt einer schon mehr als zwei Jahre lang andauernden Auseinandersetzung um die Zukunft Ost-Oberschlesiens. Das Gebiet, das seit 1742 zu Preußen und seit 1871 zum Deutschen Reich gehört, zählt zu den Hochburgen der polnisch-sprachigen Minderheit und wird deshalb nach Ende des Ersten Weltkriegs von der neu entstandenen Republik Polen beansprucht. Der Friedensvertrag von Versailles sieht dazu für ganz Oberschlesien eine Volksabstimmung auf Gemeinde-Ebene vor, die am 20. März 1921 stattfindet. Dabei votiert zwar eine klare Mehrheit (59,6 Prozent) für den Verbleib der Provinz bei Deutschland. Fast 600 Kommunen – die meisten davon im Industriegürtel rund um Kattowitz – stimmen jedoch für Polen und damit für eine Abtretung.

Danach kann sich die formal für die Verwaltung Oberschlesiens zuständige Alliierte Kommission zunächst nicht auf eine Grenzlinie einigen. Frankreich unterstützt die polnischen Forderungen nach dem Industrierevier, während Großbritannien eher auf Seiten der im November 1918 ausgerufenen Weimarer Republik steht. In dieser unübersichtlichen Lage entschließt sich der polnische Abstimmungs-Kommissar Wojciech Korfanty zu einer gewaltsamen Lösung. In der ersten Maiwoche besetzen seine Freischärler den größten Teil des umstrittenen Gebiets, während die französischen Besatzer tatenlos zusehen. Auf deutscher Seite formieren sich daraufhin mehrere Freikorps zum Selbstschutz Oberschlesien und erzielen am 21. Mai mit der Erstürmung des Annabergs einen wichtigen militärischen Erfolg. Danach kommt es entlang einer mehrere Dutzend Kilometer langen Front immer wieder zu vereinzelten Feuergefechten.

Am 1. Juli erreichen britische Truppen Oberschlesien und stellen sich zwischen die Konfliktparteien. Vier Tage später tritt ein Waffenstillstands-Abkommen in Kraft. Schätzungen zufolge fordert der Aufstand rund 3.000 Todesopfer – auch durch diverse Fememorde, begangen von Angehörigen beider Seiten an mutmaßlichen Kollaborateuren und Verrätern. Die eigentliche Entscheidung fällt danach auf dem diplomatischen Parkett: Am 20. Oktober 1921 beschließt die Pariser Botschafterkonferenz die Teilung Oberschlesiens. Der flächenmäßig größere, agrarisch geprägte Westteil verbleibt beim Deutschen Reich, der wirtschaftlich weitaus wertvollere Ostteil mit seinen Kohle- und Erzgruben sowie dem Industrierevier um Kattowitz gelangt jedoch an Polen.

Der Beschluss löst im gesamten Deutschen Reich Empörung aus. „Siegfried liegt erschlagen auf der Bühne, Verrat hat ihn gefällt“ kommentiert etwa die in Hildegards Geburtsstadt Breslau erscheinende „Schlesische Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 23. Oktober 1921. Und weiter: „Wehe über diese Zeit des deutschen Niedergangs, in der sein Feind sich rühmt, das Maximum seiner Macht erreicht zu haben!“ Aus Protest ist einen Tag zuvor Reichskanzler Joseph Wirth mit seinem Kabinett zurückgetreten. Doch auch der neuen, abermals unter Wirths Führung gebildeten Regierung bleibt keine andere Wahl, als sich mit der im Juni 1922 offiziell vollzogenen Teilung abzufinden und die damit für die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten verbundenen Härten so gut wie möglich abzufedern. Breslau, die Hauptstadt Niederschlesiens, wird dadurch in den folgenden Jahren zur ersten Anlaufstation für Tausende von Deutschen, die das abgetretene Ost-Oberschlesien verlassen.

Ob Hilde in den folgenden Jahren in Breslau aufwächst und dort zunächst auch zur Schule geht, liegt heute im Dunkeln. Über ihre Kinder- und Jugendzeit ist nur so viel bekannt: Die Eltern betreiben später rund 40 Kilometer südlich von Breslau im Kreis Reichenbach eine Tischlerei. Dort bekommt Hilde sehr wahrscheinlich noch vor ihrem zehnten Geburtstag die ersten Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu spüren, erlebt den dadurch bedingten Aufstieg der Nationalsozialisten hautnah mit und beendet ihre Schulzeit im gleichgeschalteten NS-Staat. Die mit einem enormen Prestige-Gewinn für das neue Regime verbundenen Olympischen Sommerspiele in Berlin verfolgt sie dann als 15-Jährige, die Reichspogromnacht mit der auch in Breslau niedergebrannten Haupt-Synagoge als 17-Jährige, und beim Ausbruch des vom deutschen Überfall auf Polen ausgelösten Zweiten Weltkriegs ist sie 18 Jahre alt.

Darüber, wann und unter welchen Umständen Hilde ihren künftigen, aus Tweelbäke stammenden Ehemann Emil Bleckwehl kennenlernt, lässt sich ebenfalls nur spekulieren. Möglicherweise geschieht dies bereits in einer relativ frühen Phase des Krieges: Emil soll Erzählungen aus der Familie zufolge im Vorfeld oder während des im Juni 1941 beginnenden Russland-Feldzugs als Soldat bei ihren Eltern einquartiert gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt lebt Hildes Vater offenbar noch – als die Rote Armee später auf Breslau vorrückt und die Stadt Anfang Mai 1945 nach knapp dreimonatiger Belagerung einnimmt, allem Anschein nach nicht mehr.

Hilde selbst hat ihre Heimatregion bereits vor der Belagerung verlassen und verrichtet als Flak-Helferin im Raum Bremen Dienst. Mutter Elisabeth und weitere Verwandte trifft sie im späteren Verlauf des Jahres in Tweelbäke wieder, auf dem aufgrund des Autobahn-Ausbaus in den 1970er Jahren heute nicht mehr bestehenden Hof von Emils Eltern Johann und Lenchen Bleckwehl. Dort feiern Hilde und Emil am 29. September 1945 Hochzeit. Ein besonderer Tag auch deshalb, weil es Emils 32. Geburtstag ist. Sonderlich feierlich zumute sein dürfte beiden angesichts der für nachgeborene Generationen kaum mehr vorstellbaren Not der ersten Nachkriegsmonate und der völlig unbestimmten Zukunft allerdings nicht. Immerhin, dass Hildes Ehemann über einen ausgeprägten Geschäftssinn zu verfügen scheint, zeichnet sich früh ab – gelingt es ihm doch relativ rasch, von der britischen Besatzungsbehörde eine Lizenz für die Pacht einer Esso-Tankstelle im Oldenburger Stadtteil Osternburg zu erhalten.

Der Hungerwinter 1946/47 stellt die Menschen im besetzten Deutschland noch einmal vor enorme Herausforderungen. Trotz allem dürfte für Hilde in dieser Zeit die Vorfreude auf ihr erstes Kind überwiegen, das am 16. März 1947 zur Welt kommt und den Namen Helmut erhält. Sein Tod nur drei Wochen später ist eine Tragödie, deren Tragweite vermutlich zunächst nicht absehbar ist. Denn hinter der in der amtlichen Sterbenotiz vermerkten Ursache Dyspepsie steckt mehr als eine simple Verdauungsstörung, für die der aus dem Altgriechischen stammende Begriff steht. Das wird spätestens bei der Geburt von Tochter Hildegard im April 1951 deutlich. Sie lebt nur wenige Stunden, und die dieses Mal genannte Todesursache Erythroblastose deutet auf eine zur damaligen Zeit kaum behandelbare Blutgruppen-Unverträglichkeit zwischen Mutter und Kind hin. Traurige Bestätigung findet diese Diagnose in der Totgeburt eines zweiten, namenlos gebliebenen Sohnes im Dezember 1958.

Ereilen Hilde die ersten zwei Schicksalsschläge noch in unterschiedlichen Mietwohnungen an der Bremer Heerstraße (1947 mit der Hausnummer 400, 1951 mit der Hausnummer 291) in Oldenburg, so wohnt sie 1958 bereits rund zehn Kilometer weiter östlich in Altmoorhausen. Dort hat Emil in der Zwischenzeit die frühere Schmiede von Siebo Bolte gepachtet und eine Reparaturwerkstatt nebst Tankstelle eingerichtet. Das dazugehörige Wohnhaus ist bis Mitte der 1970er Jahre Hildes Zuhause und zugleich auch ihr Arbeitsplatz. Denn dass die Tankstelle geschlossen hat, kommt in all den Jahren nur selten vor. Ist Emil beruflich außer Haus oder mit dem Schützenverein Hemmelsberg-Altmoorhausen, dem er von 1962 bis 1980 vorsteht, unterwegs, bedient Hilde die Zapfsäule. Und widmet sich nebenbei – zur damaligen Zeit selbstverständlich – all den oft zeitraubenden Tätigkeiten, die Johanna von Koczian später einmal lapidar als „das bisschen Haushalt“ besingen wird. Gegen Ende der 1960er Jahre kommt noch die Betreuung von Mutter Elisabeth hinzu, die ihren eigenen Hausstand aufgibt und eine kleine Wohnung im Obergeschoss bezieht. Als Elisabeth Großmann im November 1971 stirbt, rückt bis zu ihrem Tod im Mai 1975 deren Schwester Gertrud Stöber nach.

Mag auch über Hildes Wurzeln in Schlesien heute so gut wie nichts mehr bekannt sein – eines ist sicher: Mutter Elisabeth und Tante Gertrud haben noch mindestens einen Bruder, den es nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar nach Belgien verschlagen hat. Dort jedenfalls lebt seine Witwe Maria Stöber, zu deren Familie Hilde engen Kontakt hält. Meist einmal im Jahr fährt sie sie für einige Tage besuchen, mit der Bahn und stets ohne Emil. Einmal kommt es auch zu einem Gegenbesuch, wie sich Emils ehemaliger Werkstattmeister Horst Wiechmann erinnert. Mit dabei ein junges Mädchen, das dank Emils Hilfe in Altmoorhausen zum ersten Mal in seinem Leben freilaufende Rehe sieht.

Im September 1970 feiern Hilde und Emil in der Dorf-Gaststätte von Anton Budde Silberne Hochzeit. Noch ist vermutlich nicht absehbar, dass sie Altmoorhausen einige Jahre später wieder verlassen werden. Letztlich ist für diese Entscheidung die fehlende Nachfolge für den Betrieb ausschlaggebend, so dass ein Kauf des Werkstatt-Geländes für Emil nie in Frage kommt. Stattdessen kauft er als Altersruhesitz ein von seiner ersten gepachteten Tankstelle rund zwei Kilometer entferntes Siedlungshaus in Osternburg, das er und Hilde 1976 beziehen. Während Emil danach noch einige Jahre für den Oldenburger Fahrrad-Händler Lehmkuhl arbeitet und sich nebenher in der Garage eine eigene kleine Fahrradwerkstatt einrichtet, sorgt Hilde im ersten eigenen Heim wie gewohnt für einen reibungslosen Ablauf des Alltags. Den Kontakt nach Altmoorhausen halten beide aufrecht – in erster Linie natürlich über den Schützenverein, der Emil 1980 zum Ehrenvorsitzenden ernennt, aber auch durch regelmäßige Treffen und Feiern mit den ehemaligen Nachbarn. Dass die Goldene Hochzeit des Paares im September 1995 abermals im inzwischen von Dieter und Karin Wicht geführten „Altmoorhauser Krug“ stattfindet, versteht sich da von selbst.

Als Hilde neun Monate später ihren 75. Geburtstag feiert, geht es Emil – immerhin acht Jahre älter als sie – gesundheitlich bereits nicht mehr gut. Er stirbt im Dezember 1997. Für Hilde beginnt eine schwierige Zeit, in der sie sich mehr und mehr von ihrer Umgebung zurückzieht. Sie selbst stirbt am 22. Juni 2005. Beigesetzt ist Hilde zwei Wochen später auf dem Alten Osternburger Friedhof.