Emma Meyer – Biographie

Emma Karoline Meyer wird am 27. November 1904 als achtes Kind von Bernhard Ahrens und Adeline Ahrens auf dem elterlichen Hof in Munderloh geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Catharine Weyhausen, Helene Brengelmann, Hermann Ahrens, Diedrich Ahrens, Heinrich Ahrens, Bernhard Ahrens und Adeline Heyne und die ältere Schwester von Georg Ahrens.

Elf Tage vor Emmas Geburt erreicht der norwegische Polarforscher Carl Anton Larsen mit drei Schiffen die der Antarktis vorgelagerte Insel Südgeorgien. Sein Ziel: die Errichtung der ersten kommerziellen Walfang-Station im Südatlantik. Die Idee dazu ist Larsen auf zwei vorangegangenen Expeditionen in die Region gekommen, auf denen er eine große Zahl an Furchenwalen gesichtet hat. Zu einer Zeit, in der die Wal-Bestände in der nördlichen Hemisphäre durch langjährige Jagd bereits stark dezimiert sind, verspricht ihm das Fanggebiet ein enormes wirtschaftliches Potenzial. Um es zu heben, haben sich in Buenos Aires mehrere potente Geldgeber zur Compañía Argentina de Pesca zusammengeschlossen und Larsen das nötige Kapital vorgestreckt.

Zwei der drei Schiffe dienen als Lager für Baumaterial, Kohle und Ausrüstung. An Bord befinden sich zudem 60 norwegische Arbeiter. In einem Wettlauf gegen die kurze südliche Sommersaison stampfen sie bis zum 27. November 1904 eine zuvor auf den Namen Grytviken getaufte Fabrikanlage (benannt nach den dreibeinigen Tran-Kesseln früherer Robbenfänger) aus dem Boden. Noch am selben Tag erlegt die Mannschaft des Hauptschiffes in unmittelbarer Nähe der Station einen Buckelwal, der anschließend an Land gezogen und fachgerecht zerlegt wird. Bis zum Ende der ersten Fangsaison im April 1905 verarbeitet die Station acht Blauwale, elf Finnwale und 67 Buckelwale sowie fünf Südkaper.

In den folgenden Jahren vervielfacht sich die Zahl der erlegten Wale, so dass die Compañía Argentina de Pesca ihren Aktionären üppige Dividenden ausschütten kann. Das ruft rasch Nachahmer auf den Plan. Bis 1910 entstehen auf Südgeorgien mit Leith Harbour, Ocean Harbour und Husvik drei weitere Landstationen. Die politisch zu Großbritannien gehörende Insel steigt damit zum weltweit führenden Walfang-Zentrum auf. In dem anfangs alles andere als nachhaltig gewirtschaftet wird: Erst nach und nach treten seitens der britischen Behörden Regeln in Kraft, die das vollständige Zerlegen zur Pflicht machen. Bis dahin ist es gängige Praxis, den erbeuteten Tieren lediglich die wertvolle Fettschicht herauszuschneiden und die Kadaver dann wieder ins Meer zu werfen.

Südgeorgien liegt von Munderloh mehr als 12.000 Kilometer Luftlinie entfernt. Gleichwohl ist es sehr wahrscheinlich, dass in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts diverse Produkte den Weg in Emmas Geburtsort finden, die in Grytviken oder auf einer der anderen Fangstationen der Insel gewonnenen Wal-Tran enthalten. Etwa in Form von Kernseife, die in dem der Gaststätte von Gustav Deyke angeschlossenen Kramladen auf Käufer wartet. Und in späteren Jahren auch als Margarine, vom Delmenhorster Unternehmer Hermann Petersen von 1910 an unter dem Namen „Perle von Oldenburg“ vermarktet. Der im Großherzogtum Oldenburg bald weit verbreitete Ersatzstoff findet gerade in ärmeren Bevölkerungsschichten reißenden Absatz, kostet doch das Kilo weniger als halb so viel wie die gleiche Menge Butter.

Als Gustav Deyke seinen Besitz im April 1911 an Wilhelm Brüers verkauft, ist Emma ganz frisch in die Volksschule Munderloh eingeschult. Dort erlebt sie im August 1914 als Neunjährige den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, an dem ihr 1866 geborener Vater nicht mehr teilnimmt. Sehr wohl aber ihre älteren Brüder. Einer von ihnen – Diedrich – kehrt nach dem 1918 geschlossenen Waffenstillstand nicht in die Heimat zurück. Er stirbt am 25. Dezember 1916 nahe der heute zu Litauen gehörenden Stadt Kaunas, Überlieferungen aus der Familie zufolge an Diphtherie.

Kurz vor Unterzeichnung des die im November 1918 ausgerufene Weimarer Republik massiv belastenden Versailler Vertrags beendet Emma die Schule und wird in der St.-Ansgari-Kirche in Kirchhatten konfirmiert. Danach arbeitet sie zunächst für den Geschäftsführer der Warengenossenschaft in Wüsting, Gerhard Hespe. Später wechselt sie zu Adolf Schnitker nach Kirchhatten, der neben der Landwirtschaft einen Gasthof betreibt. Es sind unruhige Jahre, gekennzeichnet vor allem durch politische und wirtschaftliche Krisen wie die sich massiv beschleunigende Geldentwertung. Gefeiert wird trotzdem – etwa, wenn wie im Februar 1923 der „Klub der jungen Landwirte“ zum Ball in das von Schnitker geführte „Deutsche Haus“ lädt.

Ob und wann Emma und ihr künftiger Ehemann Willi Meyer aus Altmoorhausen auf einer solchen Veranstaltung ein Paar werden, weiß mehr als 100 Jahre später niemand mehr zu berichten. Über den Weg gelaufen sind sich beide vermutlich schon bei früheren Gelegenheiten. Zwar stammt Willi nicht aus der Gemeinde Hatten, sondern aus der Nachbargemeinde Hude. Der von seinen Eltern geführte Hof (heute: Dietrich und Irmgard Schmidt) liegt von Emmas Zuhause aber weniger als zwei Kilometer entfernt.

Wie auch immer: Emma und Willi heiraten am 19. Mai 1927 in Hude. Zu diesem Zeitpunkt ist Schwiegermutter Hermine Meyer bereits schwer krank, sie stirbt im Oktober desselben Jahres. Als einzige Frau auf dem Hof steht Emma fortan in allen Belangen der Hauswirtschaft voll in der Verantwortung und hilft zudem Ehemann Willi und Schwiegervater Heinrich bei der Bewirtschaftung des rund zwölf Hektar großen Betriebs. Im Dezember 1928 (an Heiligabend) bringt sie Tochter Hedwig zur Welt.

Sieht es bei Hedwigs Geburt zunächst so aus, als habe die erste Republik auf deutschem Boden alle Startschwierigkeiten erfolgreich gemeistert, so warten zu Beginn der 1930er Jahre neue Probleme. Die im Herbst 1929 mit einem Kurseinbruch an der New Yorker Börse einsetzende Weltwirtschaftskrise macht auch vor Deutschland nicht Halt – zwischen Januar 1930 und Dezember 1932 steigt die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen von 2,8 auf 5,8 Millionen. Die Politik zeigt sich von der Situation zunehmend überfordert. Am Ende regiert Reichskanzler Heinrich Brüning fast nur noch mit Notverordnungen, erlassen vom greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.

Vier Wochen, bevor Hindenburg am 30. Januar 1933 NSDAP-Führer Adolf Hitler zum neuen Kanzler ernennt, stirbt Emmas Vater. Sie selbst wird kurz darauf ein weiteres Mal schwanger. Als die zweite Tochter Anita Anfang November 1933 die Familie bereichert, ist die Republik längst Geschichte und der NS-Staat fest etabliert. Mit welchen Folgen, dafür existiert bei der Geburt der dritten Tochter Hilde im Januar 1938 längst ein fest umrissenes Drehbuch: Getrieben vom bereits 1926 in seiner Programmschrift „Mein Kampf“ formulierten Ziel, für Deutschland „neuen Lebensraum im Osten“ zu gewinnen, provoziert Hitler einen zweiten Weltkrieg, der am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt. Ein Krieg, an dem Ehemann Willi (Jahrgang 1898) nicht mehr teilnehmen muss.

Als am 1. September 1942 auch Schwiegervater Heinrich stirbt, hält die Wehrmacht in Europa mehr als ein Dutzend zuvor souveräne Staaten besetzt. Doch schon Anfang 1943 zeichnet sich mit der Niederlage von Stalingrad die militärische Wende ab. Nach der erfolgreichen Invasion der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 wird mit jedem Monat deutlicher, dass Deutschland auch den zweiten im 20. Jahrhundert von seinem Boden ausgehenden Krieg verlieren wird. Emma und ihre Familie bekommen das in Altmoorhausen durch immer häufigere Luftangriffe zu spüren. Einer davon lässt den Schweinestall ihres Hofes in Flammen aufgehen. Die Einnahme Altmoorhausens durch kanadische Truppen im Frühjahr 1945 erlebt sie zeitweise versteckt in einem Erdloch.

Zwar haben Emma und Willi im Krieg keine nahen Angehörigen verloren. Die folgenden Jahre bis zur Währungsreform im Juni 1948 sind für sie und ihre drei Kinder dennoch hart – auch wenn sie als Hofbesitzer und Selbstversorger nicht unter Hunger und teils extremer Kälte leiden müssen wie Millionen Stadtbewohner oder in zugigen Baracken gestrandete Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Spätestens mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Mai 1949 kehrt dann Stück für Stück Normalität zurück, und im Juni 1950 gibt es im Hause Meyer Grund zum Feiern: die Verlobung der ältesten Tochter Hedwig mit Helmut Janzen aus Nordenholzermoor.

Hedwig und Helmut heiraten im Mai 1951. Der Geburt von Emmas und Willis erstem Enkelkind Lore im Oktober 1951 folgt 1952 die eigene Silberhochzeit und mit dem Heimatbesuch von Willis 1923 in die USA ausgewanderter Schwester Lily gleich noch ein besonderes Ereignis. Doch es gibt in dieser später als Wirtschaftswunder-Jahre verklärten Epoche auch dunkle Momente. Etwa Willis Arbeitsunfall mit einer elektrischen Torf-Mühle, der die Amputation seines rechten Armes erforderlich macht. Ohne Emmas schnelles Eingreifen und fachgerechtes Verbinden wäre er vermutlich verblutet.

Auch nach dem Unfall bewirtschaften Emma und Willi ihren Hof in gewohnter Weise weiter. Gleichwohl kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem eine Entscheidung über dessen Zukunft nötig wird. Tochter Hilde, laut Jüngstenrecht an erster Stelle der Erbfolge stehend, winkt ab: Sie ist seit Oktober 1958 mit Werner Geerken aus Hatterwüsting verheiratet, der selbst einen ausreichend großen Hof besitzt. Daraufhin erklären sich Tochter Anita und deren Ehemann Emil Hülsebusch vorübergehend zur Weiterführung bereit. Letztlich fühlt sich Emil aber auf dem elterlichen, um einiges kleineren und somit einen Nebenerwerb nötig machenden Hof in Tweelbäke deutlich wohler und so ist es an Hedwig und Helmut Janzen, die Lücke zu füllen. Sie ziehen im Frühjahr 1961 mit Tochter Lore und deren vier Jahre jüngerem Bruder Harro nach Altmoorhausen. Freilich nicht als Haupterwerbs-Landwirte: Helmut Janzen ist Schuhmachermeister und betreibt seine am alten Wohnort Hude etablierte Werkstatt nach dem Umzug zunächst noch weiter. Daraufhin verpachten Emma und Willi mit Eintritt in den Ruhestand den größten Teil ihrer Ländereien.

Von „Hände in den Schoß legen“ kann danach bei Emma dennoch keine Rede sein. Haushalt, Garten und einige noch auf dem Hof verbliebene Tiere wollen weiter versorgt sein, und dann sind da schließlich noch die insgesamt acht Enkelkinder (ein neuntes, Hilde und Werner Geerkens Tochter Edith, ist 1960 als Säugling verstorben). Immerhin, einen Urlaub gönnen Emma und Willi sich in dieser Zeit: eine Busreise in den Schwarzwald.

Das Jahr 1977 bringt für Emmas Familie einen schweren Einschnitt. Gleich im Januar erleidet Willi einen Herzinfarkt, den er nicht überlebt. Schwiegersohn Helmut, schon seit längerem lungenkrank, stirbt zehn Monate später im Alter von nur 51 Jahren. Einziger Mann auf dem Hof ist danach Enkel Harro, der 1984 Elke Rudolph aus Wüsting heiratet und mit ihr zunächst im unter der Regie von Hedwig umgebauten Schweinestall wohnt. Kurz vor der Geburt von Tochter Bea im November 1987 ziehen beide nach Hude, kehren dann aber nach Altmoorhausen zurück und bauen die Diele des alten Bauernhauses aus.

Ihren 80. und 85. Geburtstag kann Emma noch bei zufriedenstellender Gesundheit in Altmoorhausen feiern. Sorgen muss sie sich indes um Tochter Hedwig, die 1991 nach einer Erkrankung längere Zeit in einer Bremer Fachklinik behandelt wird. Als mitten in der Vorweihnachtszeit jenes Jahres bei Emma das Telefon klingelt und die Klinik ihr Hedwigs Tod mitteilt, ist Emma derart geschockt, dass sie unmittelbar darauf einen Schlaganfall erleidet. Halbseitig gelähmt und ihres Sprachvermögens beraubt, verbringt sie die letzten Monate ihres Lebens in einem Oldenburger Pflegeheim.

Emma stirbt am 24. April 1992. Beerdigt ist sie fünf Tage später in Hude auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche.