Rebecka Hermine Meyer – Rufname Hermine – wird am 7. April 1870 als neuntes Kind von Hinrich Gerhard Heinemann und Johanne Elise Catharina Heinemann auf dem elterlichen Hof in Bäke bei Köterende geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Johann Heinrich Heinemann, Gesine Magdalene Heinemann, Aline Catharine Warnken, Hinrich Gerhard Heinemann, Johanne Elise Margarete Mönnich, Catharine Hermine Logemann, Friedrich Heinemann und Lenchen Christine Amalie Heinemann und die ältere Schwester von Helene Mathilde Eilers.
In den Wochen nach Hermines Geburt spitzt sich der Streit um die Thronfolge im Königreich Spanien zu. Ausgelöst durch den Sturz von Königin Isabella II. im September 1868 sucht die Regierung nach einem neuen Monarchen. Ihr Blick fällt auf Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, einen katholischen Verwandten des preußischen Königs Wilhelm. Die französische Führung unter Kaiser Napoleon III. sieht darin eine Provokation und fürchtet eine Einkreisung Frankreichs durch hohenzollerische Mächte. Während Preußens König dem Projekt zunächst zögerlich gegenübersteht, erkennt Ministerpräsident Otto von Bismarck das strategische Potenzial der Krise. Er treibt die Thron-Kandidatur Leopolds hinter den Kulissen voran – mit dem Ziel, Frankreich außenpolitisch aus der Reserve zu locken und so die deutsche Einigungsfrage voranzutreiben.
Im Frühsommer 1870 nimmt das diplomatische Ränkespiel an Fahrt auf. Anfang Juli dringt die Nachricht von Leopolds Zusage an die Weltöffentlichkeit. Frankreich fordert ultimativ den sofortigen Verzicht des Prinzen, um einen Krieg abzuwenden. Tatsächlich erklärt Leopold daraufhin am 12. Juli 1870 offiziell seinen Rückzug von der Kandidatur. Doch der Führung in Paris reicht dieser Erfolg nicht aus. Außenminister Antoine de Gramont und Napoleon III. streben nach einer Demütigung Preußens. Am 13. Juli 1870 spricht Frankreichs Botschafter Graf Vincent Benedetti König Wilhelm während dessen Sommerfrische im Kurort Bad Ems an und fordert eine für alle Zukunft geltende Zusage, dass niemals wieder ein Mitglied des Hauses Hohenzollern für den spanischen Thron kandidiert.
Wilhelm lehnt dieses Ansinnen höflich, aber bestimmt ab und lässt Bismarck per Telegramm über die Vorgänge unterrichten. Das als Emser Depesche bekannt gewordene Telegramm erreicht Bismarck am Abend des 13. Juli in Berlin. Der Kanzler kürzt den sachlichen Bericht radikal zusammen, wodurch die Ablehnung des Königs wie eine schroffe Zurückweisung des Botschafters wirkt. Gleichzeitig erweckt der Text den Eindruck, als habe Benedetti den preußischen Monarchen ungebührlich bedrängt. Bismarck leitet diese bearbeitete Fassung noch in derselben Nacht an die Presse weiter. Die Veröffentlichung der Depesche am 14. Juli löst auf beiden Seiten eine Welle des Nationalismus aus. Fünf Tage später erklärt Frankreich Preußen offiziell den Krieg.
Bismarcks Kalkül geht auf. Frankreich tritt völkerrechtlich als Aggressor auf, was die übrigen europäischen Großmächte neutral bleiben lässt. Zudem stellen sich die mit Preußen durch geheime Bündnisse alliierten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt ohne Zögern an die Seite des Norddeutschen Bundes. Schon am 2. September 1870 fällt in der Schlacht von Sedan eine Vorentscheidung zugunsten der beteiligten deutschen Teilstaaten. Im Spiegelsaal von Versailles rufen deren Fürsten am 18. Januar 1871 das Deutsche Kaiserreich aus und bestimmen Preußens König Wilhelm zum Kaiser.
Oldenburgs Großherzog Peter II. ist bei der Proklamation zugegen, und die entsprechende Veröffentlichung in der Oldenburger Tageszeitung „Nachrichten für Stadt und Land“ löst vermutlich auch rund um Hermines Heimatdorf Bäke Hochrufe und Jubelfeiern aus – von denen Hermine freilich nichts mitbekommt. Die gewonnene Schlacht von Sedan begleitet sie aber mit Sicherheit ihre ganze Schulzeit hindurch. Denn wie überall im Reich finden fortan am Jahrestag in der Volksschule Buttel (sie besucht Hermine sehr wahrscheinlich von Ostern 1876 an) zahlreiche über Wochen im Voraus geplante Aktionen statt.
Hermines Eltern bewirtschaften einen der ältesten und auch größten Höfe des Dorfes. Er ist bereits 1498 – also sechs Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus – erstmals urkundlich erwähnt und umfasst laut der „Neuenhuntorfer Chronik“ von Heino Vette eine Fläche von rund 35 Hektar. Zum Familienbesitz gehört er allerdings erst seit 1854, als Hermines Vater ihn den dortigen Angaben zufolge für 1.998 Goldtaler kauft. Hinrich Gerhard Heinemann stammt aus einer alteingesessenen Familie in Neuenwege, Hermines Mutter Johanne Elise Catharina aus Neuenkoop. Trotz der hohen Anzahl an von Kindesbeinen an mithelfenden Nachfahren (bis auf die im Februar 1868 verstorbene Schwester Lenchen Christine Amalie erreichen alle von ihnen das Erwachsenenalter) arbeiten auf dem Hof sehr wahrscheinlich auch einige Knechte, Mägde und Heuerlinge.
Ob Hermine nach Schulabschluss und Konfirmation noch weiter auf dem elterlichen Hof mitarbeitet oder irgendwo anders in Stellung geht, ist nicht überliefert. Dasselbe gilt für die Umstände, unter denen sie ihren künftigen Ehemann Heinrich Meyer aus Glüsing kennenlernt. Das junge Paar heiratet am 27. Februar 1894 in der St.-Marien-Kirche in Neuenhuntorf. Danach wohnt und arbeitet es allem Anschein nach zunächst in Schlüterdeich. Dort bringt Hermine im Juni 1894 die gemeinsame Tochter Elise zur Welt. Noch vor der Geburt des zweiten Kindes Willi im September 1898 geht es allerdings wieder nach Bäke, und zwar Erzählungen aus der Familie zufolge zurück auf den Heinemann-Hof. Der wird inzwischen von Hermines Bruder Friedrich geführt – Vater Hinrich Gerhard ist im Februar 1897 im Alter von 75 Jahren verstorben.
Auf dem elterlichen Hof als Angestellte des eigenen Bruders zu arbeiten, ist in ländlichen Gegenden wie dem Großherzogtum Oldenburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine ungewöhnliche Situation. Gleichwohl sehnen sich vermutlich sowohl Hermine als auch Heinrich nach einer Alternative mit Eigentum. Die Chance dazu bietet sich 1912, als in Altmoorhausen der Hof von Johann Friedrich Ahrens (heute: Dietrich und Irmgard Schmidt) zum Verkauf steht. Er umfasst rund zwölf Hektar – was für eine vierköpfige Familie zur damaligen Zeit völlig ausreichend ist.
Zwei Jahre nach dem Umzug macht der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zunächst alle weiteren Zukunftspläne zunichte. Meldet sich Ehemann Heinrich wie zigtausende andere Familienväter aus patriotischem Pflichtgefühl freiwillig zum Kriegsdienst, oder wird er, obwohl bereits 41 Jahre alt, zwangsweise eingezogen? Eine Frage, auf die es mehr als 100 Jahre später keine Antwort mehr gibt. Für Hermine bedeutet es in jedem Fall, dass sie den Meyer-Hof auf unbestimmte Zeit alleine mit Tochter Elise (von frühester Jugend an nur Lily gerufen) und Sohn Willi bewirtschaften muss. Mit fortschreitender Dauer des Krieges ist es zudem nur eine Frage der Zeit, bis auch Willi eine Aufforderung zur Musterung erhält. Dies dürfte seinem Geburtsjahrgang entsprechend irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 1916 der Fall sein, und schon bald darauf sitzt er in einem Zug, der ihn an einen der über ganz Europa verteilten Kriegsschauplätze bringt.
Verteufelte Zeiten also, die auch an der Heimatfront viel Durchhaltevermögen erfordern. Immerhin, sowohl Heinrich als auch Willi kehren nach dem im November 1918 geschlossenen Waffenstillstand in die Heimat zurück. Die ist freilich nicht mehr dieselbe wie bei ihrem Auszug: Kaiser Wilhelm II. hat abgedankt, die neu ausgerufene Weimarer Republik muss sich zahlreicher Anfeindungen von links und rechts erwehren und mit der Wirtschaft geht es angesichts der vom Krieg in die Höhe getriebenen Staatsverschuldung und der strikten Auflagen durch den Friedensvertrag von Versailles immer weiter bergab. Ein Umfeld, von dem Tochter Lily – seit September 1920 mit Gerhard Backenköhler aus Altmoorhausen verheiratet – irgendwann genug hat: Sie wandert 1923 kurz vor dem Höhepunkt der durch die Ruhrbesetzung noch weiter angeheizten Hyperinflation mit ihrem Ehemann und den Kindern Hans Heinrich und Margarete in die USA aus, nach Illinois.
Für Hermine ganz sicher kein leichter Abschied. Umso mehr dürfte es sie freuen, dass Willi auf dem elterlichen Hof bleibt und dort ebenfalls eine Familie gründet. Er heiratet im Mai 1927 Emma Ahrens aus dem Nachbardorf Munderloh. Die aus dieser Ehe hervorgehenden Enkelkinder lernt Hermine allerdings nicht mehr kennen, und auch die Nachricht von Lilys erneuter Niederkunft in Illinois (sie bringt dort im November 1927 ihren zweiten Sohn Richard Fred zur Welt) erreicht Hermine nicht mehr: Sie stirbt bereits am 3. Oktober 1927, laut Kirchenbuch-Eintrag an einer während einer Operation erlittenen Herzlähmung. Beerdigt ist Hermine drei Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.