Heinrich Anton Friedrich Budde wird am 1. März 1880 als drittes Kind von Friedrich Wilhelm Budde und Anna Budde in Streekmoor bei Varel geboren. Er ist der jüngere Bruder von Karl Wilhelm Gerhard Budde und Anna Friederike Karoline Padeken und der ältere Bruder von Johann Georg Budde, Friedrich Wilhelm Ludwig Budde und Anna Helene Budde. Darüber hinaus hat er mit Antje Frieda Budde noch eine jüngere Halbschwester aus der zweiten Ehe seines Vaters mit Johanne Katharine Haßmann.
Am Tag von Heinrichs Geburt eröffnet der aus Darmstadt stammende Maschinenbau-Ingenieur Heinrich Kleyer in Frankfurt ein Handelsgeschäft, das sich bald auf den Import von Fahrrädern – im damaligen Sprachgebrauch „Velociped“ genannt – spezialisiert. Die Idee dazu bringt er von einem knapp einjährigen USA-Aufenthalt mit. Jenseits des Atlantiks sind „bicycles“ zwar noch kein Massenprodukt, gehören aber ähnlich wie in Großbritannien und Frankreich (dort unter dem Namen „vélocipède“) durchaus schon zum modernen Straßenbild. Vereinzelt werden sogar offizielle Rennen ausgetragen, was bei Kleyer nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Beim Import bleibt es deshalb nicht: Bereits im Laufe des Jahres 1881 beauftragt er eine ortsansässige Maschinenfabrik, nach britischem Vorbild ein speziell für seine Kunden konstruiertes Fahrrad zu produzieren. Parallel dazu gründet er Frankfurts ersten Fahrrad-Club und schließlich 1886 eine eigene, später unter dem Namen Adlerwerke bekanntgewordene Fabrik. Im Palmengarten veranstaltet er darüber hinaus regelmäßig Rad-Wettkämpfe.
Mit seinen Aktivitäten trifft Heinrich Kleyer in den 1880er Jahren den Nerv der Zeit. Zwar ist das Fahrrad im Grunde genommen eine deutsche Erfindung – geht es doch zurück auf die 1817 entwickelte Laufmaschine des Karlsruher Forstbeamten Karl von Drais. Technische Neuerungen wie der Tretkurbel-Antrieb oder das Prinzip des Niederrads nebst Luftbereifung haben ihren Ursprung jedoch in den eingangs genannten Ländern und sind im 1871 gegründeten Deutschen Reich lange Zeit nur als Import verfügbar. Erst nach und nach gelingt es Kleyer und weiteren Zweirad-Pionieren wie Richard Adolf Jaenicke oder Ernst Sachs, den Rückstand aufzuholen und mit Weiterentwicklungen wie der Freilaufnabe mit Rücktrittbremse neue Standards zu setzen.
Aus heutiger Sicht muten die Absatzzahlen gleichwohl höchst bescheiden an. So werden etwa 1887 im Deutschen Reich gerade einmal 17.000 Fahrräder verkauft, 7.000 davon aus heimischer Fertigung. Fahrradfahren ist in jenen Jahren ein Privileg der Oberschicht, was natürlich an den hohen Anschaffungskosten liegt: Ein neues Modell kostet rund 500 Mark und damit knapp das Fünffache eines Facharbeiter-Lohns.
Womit Heinrichs Vater in Streekmoor den Lebensunterhalt für sich und seine bis 1887 auf sechs Kinder angewachsene Familie bestreitet, ist nicht überliefert. Kirchliche oder amtliche Dokumente, die darüber Auskunft geben könnten, tragen lediglich den Vermerk „Arbeiter“ – eine angesichts der Nähe zum Industrie-Standort Varel relativ häufig anzutreffende Berufsbezeichnung. Ursprünglich stammt Friedrich Wilhelm Budde allerdings aus einem alteingesessenen Bauerngeschlecht, das sich in der Region bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt und über mehrere Generationen hinweg Höfe in den heutigen Vareler Stadtteilen Obenstrohe und Büppel bewirtschaftet. Aber wie auch immer: Ein Fahrrad wird in der Familie Budde in jenen Jahren ganz sicher niemand besitzen.
Im Frühjahr des Drei-Kaiser-Jahres 1888 stirbt – zwei Jahre nach Heinrichs Einschulung – seine im Juni 1887 geborene Schwester Anna Helene. Zur Todesursache schweigt sich das örtliche Kirchenbuch aus. Im Juni 1890 macht dann der Tod von Mutter Anna (sie wird nur 38 Jahre alt) Heinrich und die vier verbliebenen Geschwister zu Halbwaisen. Vater Friedrich Wilhelm heiratet schon sechs Wochen später erneut, Stiefschwester Antje Frieda kommt im Dezember 1891 hinzu.
Über das folgende Jahrzehnt in Heinrichs Leben ist heute so gut wie nichts mehr bekannt. Nach Schulentlassung und Konfirmation scheint er zunächst wie Friedrich Wilhelm Budde als Arbeiter tätig zu sein – darauf deutet zumindest das Dokument hin, das seine am 20. Juni 1902 vollzogene Trauung mit Helene Müller aus Jaderaußendeich bescheinigt. Sein damaliger Wohnort Wapelersiel liegt von Streekmoor rund vier Kilometer entfernt und vom Geburtsort seiner Ehefrau acht Kilometer. Enkel Gerd Budde vermutet, dass Heinrich um die Jahrhundertwende herum in den Ausbau der Jade involviert ist: Ein in seinem Besitz befindliches, mutmaßlich aus jener Zeit stammendes Foto zeigt mehrere Männer, die mit der Schaufel an einem Fluss arbeiten.
Drei Monate nach der Hochzeit kommt im späteren Vareler Ortsteil Neudorf Heinrichs und Helenes erster Sohn Hinrich Carl zur Welt. Er stirbt jedoch bereits sechs Wochen später. Als Wohnort bei der Geburt der nächsten vier Kinder Heinrich Anton (August 1906), Friedrich (Juni 1908), Johann (Oktober 1909) und Anton (Juni 1911) nennt das Kirchenbuch Jethausermoor beziehungsweise Jethausen. Dort ist Heinrich inzwischen zu den beruflichen Wurzeln der Familie zurückgekehrt und hat den über die Grenzen Varels hinaus bekannten Schönhof gepachtet – oder zumindest Teile davon. Das stattliche, damals Heinrich Töllner gehörende landwirtschaftliche Anwesen hat in den 1860er und 1870er Jahren durch Pferderennen und andere gesellschaftliche Großereignisse von sich reden gemacht. Dafür, dass diese Tradition von Heinrich und seiner Familie oder weiteren Pächtern fortgeführt wird, gibt es in den Archiven jedoch keinerlei Belege.
Belegt ist indes, dass Heinrich die Pacht im Frühjahr 1913 beendet und deshalb eine Versteigerung seines Inventars anberaumt. Zum Verkauf stehen unter anderem 20 Rinder, 14 Schweine und 4 Pferde sowie Ackerwagen, Pflug, Egge und diverse Einrichtungsgegenstände. Über die Hintergründe lässt sich nur spekulieren. Vielleicht hat ihm sein in Wüsting ansässiger Schwager Friedrich Müller den Tipp gegeben, dass in Altmoorhausen der Hof von Johann Hinrich Schmerdtmann (heute: Daniel und Julia Ehlers) zum Verkauf steht. Über den Kaufpreis ist nichts bekannt, ebenso wenig darüber, ob Heinrich vom späteren Wirt des „Hemmelsberger Hofes“ dessen Viehbestand übernimmt. Mit einer Gesamtgröße von 22 Hektar verfügt er jedoch fortan über einen mehr als auskömmlichen Grundbesitz.
Kaum in Altmoorhausen angekommen, wird Heinrich im Juni 1913 durch die Geburt von Tochter Alma zum sechsten Mal Vater. Im Sommer 1914 stellt dann der Ausbruch des Ersten Weltkriegs für ihn wie für Millionen anderer Menschen in Deutschland und den europäischen Nachbarländern alle vermeintlichen Gewissheiten des Lebens infrage. Informationen aus der Familie zufolge nimmt er (wahrscheinlich von Anfang an) als Infanterie-Soldat an den mehr als vier Jahre lang tobenden Kämpfen teil und ist unter anderem bei der verlustreichen Schlacht um Verdun vor Ort.
Heinrich hat mehr Glück als sein im Frühjahr 1918 gefallener Bruder Friedrich Wilhelm Ludwig, er kehrt bei Kriegsende in die Heimat zurück. Wie er dort die politisch und wirtschaftlich äußerst unruhigen Jahre nach Kaisersturz und Ausrufung der Weimarer Republik erlebt, lässt sich aber ebenfalls nur vermuten. Mag in Altmoorhausen angesichts der immer rasanteren Geldentwertung wie fast überall im Land zwischenzeitlich auch das pure Chaos toben, so weiß Erika Burhop in ihrer 2007 erschienenen Orts-Chronik durchaus das eine oder andere Positive zu berichten: „Um 1920 bekommt das Dorf elektrischen Strom. Fahrräder stehen bald in jedem Haus und seit 1925 fährt das Postauto zweimal wöchentlich nach Oldenburg.“ Das mit dem „Fahrrad in jedem Haus“ mag etwas übertrieben sein, trifft aber wohl für den Budde-Hof mit einiger Sicherheit zu. Tatsächlich haben sich Mitte der 1920er Jahre die Relationen deutlich zugunsten der Käufer verschoben: Statt für 500 Mark sind einfache Modelle nun bereits für unter 100 Mark zu haben, während der Jahresverdienst eines Arbeiters im Vergleich zu 1880 in etwa stabil geblieben ist.
Seit jeher unternehmungsfreudig, hält Heinrich in dieser herausfordernden Zeit Ausschau nach einem lohnenden Nebenerwerb. Und wird rasch fündig: Die 1913 in Betrieb gegangene Ziegelei im Nachbardorf Munderloh benötigt regelmäßig Torf, der an der Bahnstation in Wüsting angeliefert wird. Den Transport übernimmt fortan Heinrich bis zu zweimal täglich mit einem von seinen beiden Pferden Lotte und Toni gezogenen Gespann, was ihm so manche zusätzliche Mark einbringt. Geld, das er gut gebrauchen kann, wächst doch seine Familie nach dem Ersten Weltkrieg noch um drei weitere Kinder: Helene Friederike (November 1919), Georg (April 1922) und Else (August 1924).
Anfang der 1930er Jahre ist Heinrich der erste Landwirt in Altmoorhausen, der sich einen Traktor leisten kann, einen Lanz-Bulldog. Ein Ereignis, das dem Nachbarssohn Heinz Hartmann nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist. Er schreibt dazu in seinen Erinnerungen: „Das Anlassen dieses Bulldogs war nur was für starke Männer. Mit einer Drehkurbel musste das große Schwungrad in Bewegung gebracht werden und in der kalten Jahreszeit war das nur durch das Vorwärmen mit einer großen Lötlampe möglich. In den Ferien durften wir Jungen auch schon einmal auf dem Kotflügel des Treckers so eine Torf-Tour mitmachen, oder sogar eine Fahrt bis nach dem 20 Kilometer entfernten Delmenhorst. Dorthin brachten Buddes ab und an auch mit ihrem Torf-Gespann Klinkersteine von der Munderloher Ziegelei zu einer Großbaustelle.“
Zusammen mit Sohn Heinrich Anton startet Heinrich später noch erfolgreich eine Lohn-Drescherei. In seiner kargen Freizeit engagiert er sich zudem im örtlichen Schützenverein sowie im Gemischten Chor Altmoorhausen, dem er als Liedervater vorsteht. Alles in bester Ordnung also – wäre da nicht die aus den USA herüberschwappende Weltwirtschaftskrise, die spätestens nach dem Konkurs des in Delmenhorst ansässigen Nordwolle-Konzerns im Juli 1931 auch Deutschland in den Würgegriff nimmt. Wasser auf die Mühlen der Nationalsozialisten, die danach Wahl um Wahl gewinnen. Die Ernennung von NSDAP-Führer Adolf Hitler zum Reichskanzler leitet im Januar 1933 das Ende der Weimarer Republik ein, Deutschland driftet ab in die Diktatur des NS-Staats.
Mag es danach ungeachtet allem innenpolitischen Terror auch in puncto Wirtschaft und Außenpolitik zunächst bergauf gehen: Hitlers bereits Mitte der 1920er Jahre in seiner Programmschrift „Mein Kampf“ ausgerufenes Ziel, neuen „Lebensraum im Osten“ zu erobern, führt unweigerlich in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Er beginnt am 1. September 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen. Für Heinrich vermutlich von Anfang an ein zwiespältiges Unterfangen, erhalten doch vier seiner fünf Söhne relativ zügig einen Stellungsbefehl zur Wehrmacht. Der entsprechende Bescheid für den jüngsten Sohn Georg folgt im Oktober 1941. Georg, Heinrich Anton und Anton überstehen das Inferno lebend, nicht jedoch Friedrich und Johann. Letzterer fällt am 23. Dezember 1941 auf der Krim bei der Schlacht um Sewastopol. Ersterer, eingesetzt im Nordosten der Ukraine, gilt seit dem 1. Januar 1942 als vermisst.
Zwei dicht aufeinander folgende Schicksalsschläge, die Heinrich sicher lange zu schaffen machen. Als der Krieg im Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht endet, ist er bereits 65 Jahre alt. Sein in den Jahren zuvor zum Erliegen gekommenes Fuhrgeschäft lässt er deshalb ruhen. Dafür etabliert Sohn Anton, seit 1938 Pächter des Dorf-Gasthofs „Altmoorhauser Krug“, ein aufgrund des Bedarfs auf Anhieb bestens angenommenes Taxi-Unternehmen. Seinen Hof indes betreibt Heinrich mit ungebrochenem Elan weiter, unterstützt von Ehefrau Helene und dem nach kurzer Gefangenschaft heimgekehrten Sohn Georg. Fleiß, gute Ernten und der allgemeine Rückenwind für die Landwirtschaft ermöglichen Anfang der 1950er Jahre Investitionen wie den Bau einer neuen Scheune.
Im Juni 1952 feiern Heinrich und Helene im „Altmoorhauser Krug“ mit der Familie sowie mit Freunden, Nachbarn und Bekannten Goldene Hochzeit. Zu den zahlreichen Gratulanten gehört mittlerweile eine stattliche Schar von 19 Enkelkindern. Eines davon – Heinrich Antons Sohn Werner – kommt zwei Jahre später durch einen tragischen Verkehrsunfall auf der nahegelegenen Bundesstraße 75 ums Leben. Ein Unglück, das nicht nur in Heinrichs Familie, sondern im ganzen Dorf Bestürzung hervorruft.
Bis zur Diamantenen Hochzeit im Juni 1962 steigt die Zahl von Heinrichs Enkelkindern auf 27, die der Urenkelkinder auf acht. Obwohl inzwischen 82 Jahre alt, erfreut er sich noch immer recht guter Gesundheit und hilft auf dem mittlerweile von Sohn Georg und Schwiegertochter Almut geführten Hof täglich bei der Fütterung. Auch im Schützenverein ist Heinrich weiter aktiv. Darüber hinaus geht er mit einer Männerrunde aus der Nachbarschaft einmal in der Woche – immer donnerstags – im Gasthof seines Sohnes Anton kegeln.
Heinrich stirbt am 13. November 1964, wenige Monate vor seinem 85. Geburtstag. Beerdigt ist er vier Tage später in Hude auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche.