Henriette Quitsch – Biographie

Henriette Quitsch wird am 23. April 1854 als Henriette Proplesch in Neu Heidendorf im Regierungsbezirk Königsberg geboren. Die Namen ihrer Eltern und die Namen etwaiger Geschwister sind in der Familie nicht mehr bekannt. Amtliche Quellen, die darüber Auskunft geben könnten, sind zu großen Teilen in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verlorengegangen oder ruhen an unzugänglichen Orten in der heute zur Russischen Föderation gehörenden Oblast Kaliningrad.

Eine Woche vor Henriettes Geburt erschüttert ein Erdbeben San Salvador, die Hauptstadt El Salvadors, und zerstört sie fast vollständig. Das sich durch mehrere Vor-Beben ankündigende Haupt-Beben dauert nur etwa zehn Sekunden – ist aber so gewaltig, dass fast alle bedeutenden öffentlichen Gebäude der damals knapp 20.000 Einwohner zählenden Stadt einstürzen oder irreparable Schäden davontragen. Ähnliches gilt für die meisten Wohnhäuser. Schätzungen zufolge kommt dabei jeder zwanzigste Einwohner zu Tode. Der erst wenige Monate zuvor ins Amt gewählte Präsident El Salvadors, José María San Martín, verlegt daraufhin den Regierungssitz ins nahegelegene Städtchen Cojutepeque und plant den Bau einer neuen Hauptstadt. Nach einer Cholera-Epidemie, die El Salvador 1857 heimsucht, geraten die Arbeiten daran jedoch zunehmend ins Stocken. Schon zwei Jahre später kehrt die Regierung deshalb ins inzwischen weitgehend wiederaufgebaute San Salvador zurück.

Für die Zerstörung San Salvadors gibt es einen deutschen Augenzeugen: den bayerischen Naturforscher Moritz Wagner. Er hält sich im April 1854 in der Stadt auf und kommt mit dem Leben davon – verliert aber den Großteil seines während der Jahre 1853 und 1854 gesammelten Materials über die mittelamerikanische Fischwelt. Nach kurzem Zwischenstopp in der Heimat bricht Wagner 1857 erneut Richtung Neue Welt auf und bereist unter anderem Ecuador, wo er viel Zeit mit der Erforschung des Chimborazo und diverser anderer Vulkane verbringt.

Erdbeben und Vulkanausbrüche sind nichts, wovor den Menschen in Henriettes Heimat Ostpreußen Mitte des 19. Jahrhunderts bange ist oder bange sein muss. Anders sieht es dagegen mit der Cholera aus: Die Erinnerung an eine entsprechende Epidemie im Sommer 1831 mit mehr als 1.300 Toten und an den daraus resultierenden Aufstand dürfte 1854 in der Hauptstadt Königsberg noch recht präsent sein. Zwölf Jahre später schlägt die Cholera, eingeschleppt von nach Hause zurückkehrenden Teilnehmern des Preußisch-Österreichischen Krieges, dann ein zweites Mal zu. Innerhalb weniger Wochen erkranken knapp 4.000 Personen, amtlichen Quellen zufolge sterben mehr als 2.600 von ihnen. Eine dritte Krankheits-Welle mit nochmals 1.700 Toten nimmt im Juli 1871 ihren Anfang.

Ob Henriettes Familie von einer dieser beiden Wellen betroffen ist, lässt sich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. Aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch nicht – dafür liegt ihr Wohnort trotz der relativen Nähe zu Königsberg einfach zu abgeschieden. Neu Heidendorf ist eine Moorsiedlung im Großen Moosbruch und zählt zum Zeitpunkt von Henriettes Geburt weniger als 150 Seelen. Die einzelnen Kolonate sind in der Regel auf Zeit verpachtet und ermöglichen meist nur ein Leben am Rande des Existenzminimums. Die Pächter müssen viel Zeit auf die Entwässerung verwenden und bauen auf dem ihnen zugewiesenen Land vor allem Kartoffeln an. Regionale Spezialität ist die „Blaublanke“, Viehzucht spielt hingegen kaum eine Rolle.

Wie wächst Henriette in diesem Umfeld auf, wo geht sie zur Schule, erleben beide Elternteile und die etwaigen Geschwister die Konfirmation der Tochter beziehungsweise Schwester? Alles unbekannt. Dasselbe gilt für Details aus den ersten Jahren nach der Schulentlassung und die Umstände, unter denen Henriette in den Gründungsjahren des Deutschen Reichs ihren späteren Ehemann Friedrich Wilhelm Quitsch kennenlernt sowie das Datum ihrer Hochzeit. Durch spätere amtliche Dokumente belegt ist hingegen die Geburt des ersten Kindes aus dieser Verbindung: Sohn Hermann kommt am 28. Dezember 1873 in Neu Heidendorf zur Welt.

Bei der Geburt des nächsten bekannten Kindes Otto im Januar 1876 lebt die Familie bereits in Carlsrode, einer anderen mittlerweile wie Neu Heidendorf nicht mehr existenten Moorsiedlung im Großen Moosbruch. Dort gebärt Henriette bis 1884 mutmaßlich sechs weitere Kinder, von denen aber nur zwei das Säuglingsalter überstehen und namentlich bekannt sind: Karl Ernst (Juni 1881) und Wilhelm (März 1884). Tochter Martha wiederum tut im August 1886 in Tunnischken ihren ersten Schrei. Auch das eines der zahlreichen Dörfer im nördlichen Ostpreußen, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs von der Landkarte verschwunden sind.

Irgendwann nach Marthas Geburt treffen Henriette und Friedrich Wilhelm die Entscheidung, Ostpreußen zu verlassen. Die im Mai 1889 geborene Tochter Bertha Emilie kommt in Austen zur Welt, einem Ortsteil von Colnrade bei Harpstedt. Sie lebt allerdings nur wenige Wochen. Bei der Geburt des nächsten Sohnes Heinrich im September 1890 notiert der zuständige Standesbeamte Beckstedt. Die Familie ist also offenbar innerhalb Colnrades noch einmal umgezogen.

Wie bringt Henriettes Ehemann sie und die Kinder am neuen Wohnort über die Runden? Auch darüber lässt sich nur mutmaßen. In den jeweiligen Geburtseinträgen ist als Berufsbezeichnung mal „Heuermann“ genannt, mal „Steinarbeiter“. In der Dorf-Chronik von Hurrel (dort lässt sich der älteste Sohn Hermann 1897 für einige Jahre nieder) schreibt der Heimatforscher Walter Janßen-Holldiek zu dieser Frage, Friedrich Wilhelm Quitsch habe „den seltenen Beruf eines Steinsprengers“ ausgeübt.

Wie auch immer: In Colnrade wird Henriette mit ihrer Familie nicht heimisch, Geburtsort des nächsten Kindes Johann im Mai 1895 ist Dingstede. Nicht alle der mittlerweile teilweise erwachsenen Geschwister machen jedoch den Umzug mit. Hermann Quitsch leistet gerade seinen Militärdienst ab, der zweitälteste Sohn Otto hat nach dem Schulabschluss eine Schneiderlehre begonnen und bleibt in der Nähe von Colnrade wohnen. Er ertrinkt im Juli 1895 unter heute nicht mehr rekonstruierbaren Umständen in der Hunte.

Nach dem Verlust von mutmaßlich fünf Kindern im Säuglingsalter ein weiterer Schicksalsschlag für Henriette. Der wohl härteste soll allerdings noch folgen. Zunächst einmal jedoch wird Henriette mit 44 Jahren noch ein letztes Mal Mutter und bringt im Juni 1898 Tochter Gesine Sophie zur Welt. Das jüngste Familienmitglied übersteht – vermutlich auch aufgrund des ungewöhnlich warmen Winters 1898/99 – das für Neugeborene seiner Epoche noch immer kritische erste Lebensjahr ohne größere Probleme. Im Juli 1899 beendet jedoch ein tragischer Unglücksfall von einer Sekunde auf die andere Gesine Sophies Dasein. Einer ihrer Brüder hantiert in einem der Wohnräume mit einem geladenen, nach der Krähenjagd achtlos abgestellten Gewehr und verletzt, als sich plötzlich ein Schuss löst, die im selben Raum in der Wiege schlummernde Schwester tödlich.

Im Juni 1900 muss Henriette Abschied nehmen von Sohn Wilhelm, der nach Nordamerika auswandert und sich in Alaska niederlässt. Aus der Ehe des ältesten Sohnes Hermann mit Johanne Ramke aus Munderloh gehen derweil die ersten Enkelkinder hervor: Friedrich Wilhelm (September 1898), Johann (Januar 1900), Henriette (Oktober 1901) und Heinrich (Februar 1904). Kurz vor Heinrichs Geburt stirbt in Hurrel allerdings der älteste Enkel Friedrich Wilhelm an Brechdurchfall.

Das Jahr 1904 bringt für Henriette, Ehemann Friedrich Wilhelm und die noch mit im Haushalt lebenden Kinder abermals einen Ortswechsel. Friedrich Wilhelm hat am Brenningsweg in Altmoorhausen ein Stück Land gekauft und errichtet darauf zusammen mit Sohn Karl Ernst ein Wohn- und Hofgebäude (heutiger Eigentümer: Gerno Wiechmann). Hermann Quitsch verkauft derweil seinen Besitz in Hurrel und zieht über Vielstedt und Hude nach Lintel, wo er einen kleinen Pachthof übernimmt und nebenher als Schneider arbeitet. Seine Familie wächst bis 1912 weiter und beschert Henriette mit Käthe, Ewald, Gesine und Martha noch einmal vier Enkelkinder.

Mit Heinrich hat mittlerweile ein weiterer Sohn das Elternhaus verlassen und absolviert seinen Militärdienst – weitab von Altmoorhausen, aber ganz in der Nähe von Henriettes alter Heimat, in Westpreußen. Dort kommt er im Juli 1913 wie schon 1895 der ältere Bruder Otto durch Ertrinken ums Leben, ohne dass heute noch etwas über die näheren Umstände bekannt wäre. Stirbt Heinrich im Rahmen einer Militärübung, unterschätzt er vielleicht beim Schwimmen in einem örtlichen Fluss die Strömung, gibt es Augenzeugen des Unglücks? Fragen, die für Henriette aber in ihrer Trauer damals vermutlich nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellt Henriettes Leidensfähigkeit nur ein Jahr später abermals auf eine harte Probe. Mindestens zwei ihrer drei noch in Deutschland lebenden Söhne werden zur kaiserlichen Armee eingezogen, beide kehren nicht zurück: Hermann erkrankt im Oktober 1916 an Malaria und stirbt in einem Lazarett im heutigen Nordmazedonien, Johann fällt im Februar 1917 an der Westfront. Lediglich Karl Ernst und Wilhelm, der in Alaska für eine Minengesellschaft arbeitet, überstehen den Krieg unbeschadet. Letzterer stirbt der Ahnenforschungs-Plattform „Find a Grave“ zufolge 1923 im Alter von 38 oder 39 Jahren und findet seine letzte Ruhestätte auf einem Friedhof im US-Bundesstaat South Dakota. Als Henriette diese Nachricht in den Wirren der Nachkriegs-Inflation erreicht, ist sie bereits Witwe: Ehemann Friedrich Wilhelm hat im April 1922 einen Asthma-Anfall nicht überlebt.

Karl Ernst Quitsch heiratet im Juni 1921 Anna Müller aus Phiesewarden bei Nordenham. Die Ehe ihres letzten verbliebenen Sohnes bringt Henriette mit Wilhelm, Erwin, Elfriede, Anni, Heinrich Friedrich Bernhard, Otto und Karl-Heinz noch einmal sieben Enkelkinder, von denen bis auf Heinrich Friedrich Bernhard alle das Erwachsenenalter erreichen. Der jüngste Enkel Karl-Heinz kommt indes im März 1938 schon als Halbwaise zur Welt: Karl Ernst Quitsch ist fünf Monate zuvor in einem Oldenburger Krankenhaus einer Lungenentzündung erlegen.

Ihre letzten, von der 1933 etablierten Diktatur der Nationalsozialisten und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geprägten Lebensjahre verbringt Henriette mit Schwiegertochter Anna und deren Kindern auf dem Quitsch-Hof am Brenningsweg. Dass der von Adolf Hitler befohlene Angriffskrieg in einer totalen Niederlage endet und neben Millionen anderen Opfern auch ihren Enkelsöhnen Ewald und Erwin den Tod bringt, erlebt sie nicht mehr mit: Henriette stirbt am 17. Januar 1942 und wird fünf Tage später in Hude auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche beerdigt.