Willi Wiechmann – Biographie

Willi Wiechmann wird am 22. Januar 1922 als viertes Kind von Bernhard Wiechmann und Meta Wiechmann geboren – ob in seinem Heimatdorf Dingstede oder in der Frauenklinik in Oldenburg, lässt sich nicht mehr mit Gewissheit sagen. Er ist der jüngere Bruder von Johann Wiechmann, Heinrich Wiechmann und Klara Tabken.

Am Tag von Willis Geburt erliegt in Rom Papst Benedikt XV. im Alter von 67 Jahren einer Lungenentzündung. Der im September 1914 zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählte Spross einer genuesischen Adelsfamilie wird der Nachwelt als jemand in Erinnerung bleiben, der sich in den ersten Jahren seiner Amtszeit massiv und mit drastischen Worten („grauenhaft nutzlose Schlächterei“) für ein sofortiges Ende des Ersten Weltkriegs einsetzt – und damit auf ganzer Linie scheitert. Seine Appelle, am Verhandlungstisch den Frieden zu suchen und auf gegenseitige Gebietsansprüche zu verzichten, finden weder bei den Mittelmächten Gehör noch bei den Heerführern der Triple Entente. Auch die nach Kriegsende ausgesandten Signale zur Versöhnung verpuffen weitgehend. Vor diesem Hintergrund geraten Erfolge seiner Amtszeit wie die diplomatische Anerkennung des Heiligen Stuhls durch Frankreich und Großbritannien oder die Reorganisation der Kirchenverwaltung schnell zur Fußnote.

Beerdigt wird Benedikt XV. am 26. Januar 1922 in den Vatikanischen Grotten unterhalb des Petersdoms. Am 2. Februar treten dann 53 Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle zum Konklave zusammen. Es dauert fünf Tage und vierzehn Wahlgänge, länger als jedes andere Konklave des 20. Jahrhunderts. Das liegt vor allem daran, dass sich das Kardinals-Kollegium in zwei unversöhnliche Lager gespalten hat. Auf der einen Seite stehen konservative Kräfte um den spanischen Kurien-Kardinal Rafael Merry del Val, auf der anderen Seite weltoffenere Geistliche um den langjährigen Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri. Beide Lager haben genug Stimmen, um eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die Gegenseite zu verhindern – aber keines hat genug, um den eigenen Kandidaten durchzusetzen.

Die Lösung bringt ein Außenseiter: Achille Ratti. Der Erzbischof von Mailand erhält im letzten Wahlgang 42 von 53 Stimmen. Als Pius XI. bemüht er sich um einen Ausgleich mit dem italienischen Staat, bekommt es aber schon bald mit Benito Mussolini zu tun. Der Anführer der radikalen Partito Nazionale Fascista erzwingt im Oktober 1922 mit dem Marsch auf Rom seine Ernennung zum Ministerpräsidenten. Damit beginnt im 1861 proklamierten Königreich das Zeitalter des Faschismus.

Auch in der jungen Weimarer Republik bedrohen in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Extremisten die staatliche Ordnung. Im November 1923 unternimmt Adolf Hitler – zu jener Zeit ein großer Bewunderer Mussolinis – in München einen Umsturzversuch, der jedoch scheitert. Der Vorsitzende der völkischen und antisemitischen Splitterpartei NSDAP wird verhaftet und später zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt.

Mehr noch als die politische Unsicherheit belastet die Menschen jedoch die wirtschaftliche Situation. Die massive Geldentwertung bestimmt den Alltag, in Metropolen wie Berlin oder Hamburg genauso wie in Dingstede und den anderen bäuerlich geprägten Dörfern des Freistaats Oldenburg. Anders als seine Eltern und die deutlich älteren Geschwister wird Willi sich später an diese Zeit nicht mehr bewusst erinnern – kurz vor seinem zweiten Geburtstag setzt die Einführung der Rentenmark dem Spuk ein Ende.

Willi wächst auf dem elterlichen Hof auf, den Großvater Johann Diedrich Pleus 1880 vom Amerika-Auswanderer Johann Diedrich Wefer gekauft hat. Dort wiederum ist Willis ebenfalls aus Dingstede stammender Vater Bernhard 1904 eingeheiratet. Der Betrieb umfasst rund 15 Hektar und bietet damit für die damalige Zeit eine solide Lebens- und Wirtschaftsgrundlage. Mit dem ältesten Bruder Johann – bei Willis Geburt 17 Jahre alt – steht bereits frühzeitig ein Nachfolger bereit.

Sehr wahrscheinlich von Frühjahr 1928 an besucht Willi die von seinem Zuhause rund 800 Meter entfernte Volksschule Dingstede. Bei den kurz darauf stattfindenden Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928 spielt die inzwischen wieder zugelassene NSDAP mit einem Stimmanteil von 2,6 Prozent abermals nur eine Statistenrolle. Das ändert sich schlagartig, als die 1929 in den USA ausgebrochene Weltwirtschaftskrise auch Deutschland erfasst. Bei den vorgezogenen Neuwahlen vom 14. September 1930 sind es schon 18,3 Prozent und bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 sogar 37,3 Prozent. Noch bevor Willi die Schule beendet, erobert der ehemalige Putschist Adolf Hitler Anfang 1933 die Berliner Reichskanzlei und formt aus der ersten parlamentarischen Demokratie Deutschlands binnen weniger Wochen den totalitären NS-Staat. Ein Umbruch, der nicht ohne Einfluss auf Willis letzte Schuljahre bleibt: Schon von Herbst 1933 an wird der morgendliche Hitlergruß zum obligatorischen Ritual, Begriffe wie Rassenkunde und Wehrerziehung halten Einzug in den Stundenplan.

Nach Schulentlassung und Konfirmation geht Willi zunächst innerhalb des Dorfes auf dem Hof von Johann Janzen (heute: Harald Popken) in Stellung. Dort ereilt ihn vermutlich relativ rasch nach seinem 18. Geburtstag im Januar 1940 – wegen des deutschen Überfalls auf Polen tobt bereits seit mehr als vier Monaten der Zweite Weltkrieg – die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst. Zwischenzeitlich arbeitet er aber auch noch kurze Zeit bei Reinhard Asseln in Hurrel, der dort neben der 1920 von seinem Schwiegervater Carl Busch übernommenen Gastwirtschaft „Zur fröhlichen Einkehr“ noch etwas Landwirtschaft betreibt.

Willis Einberufung zur Wehrmacht dürfte spätestens im Sommer 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion erfolgen. Er wird an die Ostfront abkommandiert und büßt bei den Kämpfen gegen die Rote Armee sein rechtes Auge ein. Ein bitterer Verlust, der ihm aber den mit jedem weiteren Kriegsmonat wahrscheinlicheren Tod erspart oder das Schicksal, bis Frühjahr 1945 wie Millionen Kameraden in sowjetische Gefangenschaft zu geraten.

Als wäre Willis Lebensplanung durch den Krieg nicht schon genug in Unordnung geraten, zerschlägt sich nach seiner Rückkehr eine weitere Erwartung: Eigentlich hatte er vor, in Dingstede den Hof seines Onkels Heinrich Wiechmann (heute: Jürgen Scheele) zu übernehmen. Dessen Ehefrau Anna Katharine ist 1931 verstorben, Kinder sind aus der Beziehung nicht hervorgegangen. Doch die Umstände haben sich geändert: Heinrich Wiechmann ist inzwischen mit seiner früheren Haushälterin Johanne Cording liiert, erben soll nun deren Tochter Anneliese Cording. Für Willi beginnt eine Übergangsphase, in der es ihn sehr wahrscheinlich erneut nach Hurrel verschlägt. Dort bewirtschaftet Bruder Heinrich inzwischen den Hof von Diedrich Georg Heinemann (heute: Ursula Schlake).

Wie überall im besiegten Nachkriegs-Deutschland fehlt es in Dingstede und Hurrel 1945 an fast allem, was man für Geld kaufen könnte. Wer in der Landwirtschaft arbeitet, muss allerdings anders als in den großen Städten keinen oder zumindest kaum Hunger leiden. In Hurrel lernt Willi zudem seine künftige Ehefrau kennen: Anneliese Sparke aus Altmoorhausen. Ihr Vater Georg ist der ältere Halbbruder des Hurreler Bauern Adolf Sparke, der erst im Frühjahr 1947 aus amerikanischer Gefangenschaft zurückkehrt. Zu diesem Zeitpunkt sind Willi und Anneliese sehr wahrscheinlich schon ein Paar. Sie heiraten am 18. Juni 1948 – zwei Tage, bevor in den westlichen Besatzungszonen die Währungsreform in Kraft tritt und die Deutsche Mark die wertlos gewordene Reichsmark ablöst.

Unmittelbar nach der Hochzeit pachten Willi und Anneliese den in den letzten Kriegswochen schwer in Mitleidenschaft gezogenen Hof von Otto Hemme in Munderloh. Otto Hemme gilt nach Kriegsende als vermisst; Ehefrau Hermine ist daraufhin mit ihren vier Kindern zu Vater Hermann Grummer nach Altmoorhausen gezogen. Für Willi und Anneliese ein Neuanfang unter nach wie vor schwierigen, aber durchaus hoffnungsvollen Bedingungen, zumal sie im November 1949 – sechs Monate nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland – durch die Geburt ihres ersten Kindes Horst Zuwachs bekommen haben.

Die nächsten Schwierigkeiten lassen jedoch nicht lange auf sich warten. Anneliese erkrankt an Tuberkulose und muss in eine Lungenheilstätte – ohne dass zunächst absehbar ist, ob und wann sie wieder vollständig gesund wird. Unter diesen Umständen treffen beide die Entscheidung, die Pacht aufzugeben und Horst zunächst bei Willis Eltern in Dingstede aufwachsen zu lassen. Willi selbst zieht zu Schwiegervater Georg Sparke nach Altmoorhausen, auf dessen ebenfalls im Krieg beschädigtem Anwesen seine Hilfe hochwillkommen ist.

Vom Sparke-Hof nicht weit entfernt liegt ein der Gemeinde Hude gehörender Hof, der ursprünglich von Friedrich Wilhelm Quitsch errichtet wurde. Ihn kann Willi 1952 für wenig Geld kaufen – ist dort aber, was die Landwirtschaft betrifft, arg eingeschränkt: Die dazugehörige Landfläche beträgt nur etwas mehr als zwei Hektar. Als Anneliese zurückkehrt und erste Umbau-Arbeiten am Wohnhaus abgeschlossen sind, nimmt Willi deshalb eine Stellung als Akkord-Arbeiter in der nahegelegenen Ziegelei Munderloh an. Eine körperlich harte und trotz Akkord nur mäßig bezahlte Arbeit, die aber ein halbwegs verlässliches Zusatzeinkommen bietet. Es hilft, weitere Umbauten im neuen Zuhause zu finanzieren und für die inzwischen wiedervereinte Familie (im September 1962 kommt noch der zweite Sohn Gerno hinzu) ein Goggomobil anzuschaffen.

Schon zwei Jahre vor Gernos Geburt nimmt Willi eine neue Tätigkeit als Milchwagenfahrer der Molkerei Wüsting an. Seine Strecke reicht vom Ortsausgang Altmoorhausen über Dorfstraße, Bremer Straße und Hauptstraße bis zum Molkereigebäude. Ein im Vergleich zur Ziegelei durchaus angenehmer Arbeitsplatz – den Willi aber nicht lange ausfüllen kann. Er kämpft zu jener Zeit bereits mit schweren, teils kriegsbedingten Gesundheitsproblemen, die Ende 1965 zu einem akuten Nierenversagen führen.

Nach seinem Zusammenbruch bleiben Willi nur noch wenige Wochen, die er im Peter Friedrich Ludwigs Hospital in Oldenburg verbringt. Dort stirbt er am 28. Januar 1966 im Alter von nur 44 Jahren. Beigesetzt ist Willi fünf Tage später in Hude auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche.