Bernhardine Hemme – Biographie

Bernhardine Hemme wird am 11. Oktober 1900 als zehntes Kind von Hinrich Lübbert und Auguste Margarethe Catharine Lübbert in Rekum bei Bremen geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Katharina Wilhelmine Christine Schierholz, Christine Dorette Heuer, Anna Auguste Lübbert, Hinrich August Friedrich Wilhelm Lübbert, Christian Diedrich Lübbert, Auguste Lübbert, Diedrich Lübbert, Adolf Bernhard Lübbert und Hinnerike Anna Lübbert.

Sechs Tage nach Bernhardines Geburt tritt Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst als Kanzler des Deutschen Reichs zurück. Der Schritt hat sich schon längere Zeit angekündigt: Hohenlohe-Schillingsfürst, von Kaiser Wilhelm II. bei der Ernennung 1894 ohnehin nur als Übergangslösung vorgesehen, ist mittlerweile 81 Jahre alt und fühlt sich den täglichen Anforderungen seines Amtes immer weniger gewachsen. Wie bei der im November 1899 im Reichstag gescheiterten Zuchthaus-Vorlage (ein Gesetzentwurf zur Verschärfung des Streikrechts) gelingt es ihm kaum noch, zwischen Kaiser und Parlament zu vermitteln, und auch seine anfänglichen Bemühungen, mäßigend auf den außenpolitisch oft allzu forsch auftretenden Monarchen einzuwirken, hat Hohenlohe-Schillingsfürst zu diesem Zeitpunkt längst aufgegeben. Unvergessen in diesem Zusammenhang bleibt Wilhelms am 27. Juli 1900 in Bremerhaven gehaltene Hunnenrede, in der er die Soldaten des deutschen Expeditions-Korps zur Niederschlagung des Boxeraufstandes in China auffordert, keine Gefangenen zu machen.

Nachfolger Bernhard von Bülow, Jahrgang 1849, entstammt einer alten mecklenburgischen Adelsfamilie mit langer Tradition im preußischen Staatsdienst und gilt als Wilhelms Wunschkandidat. Seit Oktober 1897 leitet er in der Reichsregierung das Auswärtige Amt und hat in dieser Position unter anderem die Verhandlungen mit China über das deutsche Pachtgebiet Kiautschou geführt. Politisch steht er Wilhelm sehr nah: Er unterstützt die von Alfred von Tirpitz betriebene Aufrüstung der Kriegsmarine ebenso wie die aggressive Kolonialpolitik, die dem Deutschen Reich – so ein von Bülow 1897 kurz nach Amtsantritt in einer Reichstagsrede geprägter Begriff – seinen „Platz an der Sonne“ verschaffen soll.

Zu Bülows ersten Aufgaben als Reichskanzler gehört es, die noch unter seinem Vorgänger beschlossenen Flottengesetze mit Leben zu füllen. Das umfasst den fristgerechten, vor allem von Großbritannien misstrauisch beäugten Bau neuer Kriegsschiffe, aber auch den Schutz der eigenen Handelsmarine. Seit Ausbruch des Zweiten Burenkriegs im Herbst 1899 stoppt und durchsucht die Royal Navy wiederholt deutsche Handelsschiffe, was die Regierung in Berlin als illegal ansieht. Gespräche darüber sowie über eine mögliche deutsch-britische Zusammenarbeit auf den Weltmeeren scheitern jedoch an fehlender Kompromissbereitschaft von Kaiser und Kanzler. Die dadurch zunehmende Isolation Deutschlands wird Bülow einige Jahre später mit einem zweiten, Militärs wie Politiker umtreibenden Schlagwort belegen, jenem der „Einkreisung“.

Als Bülow diesen Begriff am 14. November 1906 erstmals im Reichstag verwendet, steht Bernhardine in Rekum kurz vor ihrer Einschulung in die örtliche Volksschule. Mit der Schifffahrt, die im Mittelpunkt der deutsch-britischen Rivalität steht, ist ihre Familie eng verbunden. Zum einen festigt Bremen zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine führende Rolle als Hafen-Standort. Mit dem Norddeutschen Lloyd beherbergt die Hansestadt die nach der britischen P&O zweitgrößte Reederei der Welt, die Großwerft Bremer Vulkan liegt von Rekum weniger als zehn Kilometer entfernt. Zum anderen arbeitet Vater Hinrich in der aufstrebenden Branche, als Seemann kommt er vermutlich nur selten nach Hause. Bernhardines Onkel Carl Weidemann wiederum verdient sein Geld als Schiffszimmermann, während ein weiterer, 1866 auf den Jungferninseln an Gelbfieber gestorbener Onkel ebenfalls zur See gefahren ist.

Jener weitgereiste Diedrich Lübbert, der älteste Bruder ihres Vaters, ist nicht das einzige Familienmitglied, das Bernhardine nie kennenlernt. Die 1882 geborene Schwester Anna Auguste stirbt bereits als Einjährige, und aus dem Kreis der Großeltern lebt 1900 ebenfalls niemand mehr. Im Februar 1910 stirbt dann auch Bernhardines 1894 geborener Bruder Adolf Bernhard. Der zum Zeitpunkt seines Todes 15-jährige Bootsbauer-Lehrling ertrinkt unter heute nicht mehr rekonstruierbaren Umständen in der Weser.

Noch bevor Bernhardine die Schule beendet und konfirmiert wird, bricht im August 1914 der Erste Weltkrieg aus. Ihm fällt im März 1918 an der Westfront der zuvor bereits mehrfach verwundete Bruder Diedrich zum Opfer. Wie Bernhardine mit ihren Eltern und den überlebenden Geschwistern durch diese schwere Zeit kommt und wo sie im November 1918 das Ende des Krieges sowie zwei Monate später die Ausrufung der Bremer Räterepublik erlebt, liegt heute im Dunkeln. Deren gewaltsame Niederschlagung am 4. Februar 1919 durch Regierungstruppen und Freikorps-Soldaten mit mutmaßlich mehr als 70 Toten dürfte jedoch kaum spurlos an ihr vorübergehen – unabhängig davon, auf welcher Seite des Konfliktes sie mit ihrer Familie steht.

Obwohl der deutsche Schiffsbau gemäß Versailler Vertrag strengen Beschränkungen unterliegt, bleibt die Vulkan-Werft auch in den beginnenden 1920er Jahren der mit Abstand größte Arbeitgeber in der Rekumer Region. Mit dem Kraftwerk Unterweser in Farge (nach dorthin wird Rekum im Hyperinflations-Jahr 1923 eingemeindet) kommt allerdings ein weiterer bedeutender Arbeitgeber aus einem gänzlich anderen Geschäftsfeld hinzu. Das sorgt für zahlreiche Zuzügler von nah und fern. Einer davon ist Georg Hemme aus Munderloh, Bernhardines künftiger Ehemann. Wo beide sich zum ersten Mal über den Weg laufen, wer den entscheidenden Schritt zum näheren Kennenlernen unternimmt, all das ist heute in der Familie nicht mehr bekannt – abgesehen vom Hochzeitsdatum: Freitag, der 15. Februar 1924. Auf Nachwuchs muss das junge Paar nicht lange warten. Tochter Käthe wird im Dezember 1924 geboren, Sohn Heinz im Oktober 1925.

Zwar verfügt Ehemann Georg im örtlichen Kraftwerk über einen relativ sicheren Arbeitsplatz. Richtig heimisch fühlt er sich in der Region jedoch nicht. Da trifft es sich gut, dass ganz in der Nähe seines Elternhauses im Klinkerwerk Munderloh ebenfalls neue Arbeitsplätze entstehen. Er bewirbt sich und wird prompt als Betriebsschlosser angenommen. Allem Anschein nach bleibt Bernhardine mit den Kindern zunächst noch in Farge und sieht ihren Ehemann folglich nur an den Wochenenden. Im Laufe des Jahres 1931 zieht die Familie dann nach Altmoorhausen, wo Georg vier Kilometer von Munderloh entfernt ein Wohnhaus gekauft hat (heute: Raphael Muller).

Wie schnell Bernhardine in der für sie neuen Umgebung heimisch wird, lässt sich nur vermuten. Regelmäßige Kontakte zu den übrigen Dorfbewohnern entstehen jedoch allein schon durch die nahegelegene Volksschule, die Käthe und Heinz fortan besuchen. Alles in allem ist es wie schon ein Jahrzehnt zuvor eine sehr bewegte Zeit: Der Weltwirtschaftskrise geschuldete Notverordnungen von Reichspräsident Paul von Hindenburg und in immer kürzeren Intervallen angesetzte Reichstagswahlen zerstören das ohnehin schwach ausgeprägte Vertrauen in die 1918 ausgerufene Republik, am Ende stehen der Aufstieg des NSDAP-Führers Adolf Hitler zum Reichskanzler und die Etablierung des NS-Staats.

Ahnt Bernhardine wie so manch andere Mutter in jener Zeit, dass die massiv zunehmende Militarisierung des Alltags in eine Katastrophe münden wird? Diese Frage muss knapp 90 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs unbeantwortet bleiben. Als der Krieg am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen losbricht, dürfte Bernhardine zunächst einmal froh sein, dass Ehemann Georg aufgrund seines Geburtsjahrgangs 1897 und im weiteren Verlauf sehr wahrscheinlich wegen seines Engagements in der Freiwilligen Feuerwehr Altmoorhausen nicht zur Wehrmacht einrücken muss. Für Sohn Heinz, der eigentlich Lehrer werden will, gibt es jedoch kein Entrinnen. Er absolviert seine militärische Grundausbildung in Berlin und fällt im August 1944 in Frankreich, wenige Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie. Für Bernhardine ein Schicksalsschlag, der sämtliche Widrigkeiten der ersten Nachkriegszeit überlagert und auch viele Jahre später noch auf ihr lastet.

Im von den britischen Besatzern zunächst wiederhergestellten Freistaat Oldenburg herrscht in der zweiten Jahreshälfte 1945 ein reges Kommen und Gehen. Heimkehrer treffen auf Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, ehemalige Kriegsgefangene, Besatzungssoldaten, entlassene Wehrmachts-Angehörige und viele andere Personen auf der Durchreise. Zu ihnen gehört der in Wien geborene Musiker Robert Möderler, den Tochter Käthe in Oldenburg kennenlernt und mit dem sie schon kurz nach der im Mai 1946 gefeierten Hochzeit in die amerikanische Besatzungszone nach Stuttgart übersiedelt. Robert Möderler hat dort ein Engagement als Posaunist beim örtlichen Rundfunk-Sinfonieorchester erhalten. Für Bernhardines Schwiegersohn ein Glücksfall, auch wenn sie selbst das junge Paar verständlicherweise viel lieber in ihrer Nähe behalten hätte.

Der Platz im eigenen Haus, den der Wegzug von Käthe freimacht, bleibt nicht lange leer: Im Obergeschoss zieht zunächst die aus Ostpreußen stammende Familie von Christoph Tittnags ein, später folgen dann Erich und Lieselotte Kramp mit Sohn Wolfgang und dessen Großmutter Martha Klokow. Erich und Lieselotte Kramp betreiben in der Gaststätte von Anton Budde einen Friseursalon und lassen sich 1958 mit ihrem Geschäft auf dem zuvor von Georg und Bernhardine gekauften hinteren Teil des Hemme-Grundstücks nieder.

Obwohl zwischen Altmoorhausen und Stuttgart mehr als 600 Autokilometer liegen, bleibt der persönliche Kontakt zu Käthe und Robert Möderler sehr eng. Regelmäßige Bahnfahrten der Tochter in die alte Heimat wechseln sich ab mit gelegentlichen Gegenbesuchen von Bernhardine und Georg in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Beides nimmt nach der Geburt von Bernhardines Enkeltochter Catrin im Februar 1965 eher noch zu. Catrin Möderler verbindet mit diesen Besuchen sehr detaillierte Erinnerungen an ihre Großeltern, in denen sie Bernhardine als sehr liebevolle, aber auch resolute Frau sowie als Herrin über einen als riesig empfundenen Garten beschreibt.

Ihre Enkelin über das Kindergartenalter hinaus aufwachsen zu sehen, ist Bernhardine nicht vergönnt. Einige Monate nach ihrem 68. Geburtstag muss sie sich einem Eingriff am Herzen unterziehen, den sie zunächst gut übersteht. Kurz vor der Entlassung aus der Klinik kommt jedoch eine Lungenembolie hinzu, die sie am 11. März 1969 das Leben kostet. Beigesetzt wird Bernhardine drei Tage später in Hude auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche.