Emil Bleckwehl – Biographie

Emil Johannes Hermann Bleckwehl wird am 29. September 1913 als drittes Kind von Johann Bleckwehl und Lenchen Bleckwehl auf dem elterlichen Hof in Tweelbäke (heute: Jens und Petra Schröder) geboren. Er ist der jüngere Bruder von Hermann Bleckwehl und Johannes Bleckwehl und der ältere Bruder von Heinrich Bleckwehl.

Am Tag von Emils Geburt unterzeichnen Vertreter Bulgariens und des Osmanischen Reiches in Istanbul den Vertrag von Konstantinopel. Er beendet als letzter einer Reihe von Friedensschlüssen den im Sommer 1913 ausgebrochenen Zweiten Balkankrieg. Auslöser war ein Streit zwischen Bulgarien, Serbien und Griechenland über die Aufteilung der gemeinsam vom Osmanischen Reich eroberten Gebiete im Ersten Balkankrieg. Bulgarien, das in diesem Krieg die Hauptlast getragen hatte, sah sich beim anschließenden Londoner Friedensvertrag vom Mai 1913 um die Früchte seiner militärischen Leistung betrogen und hatte seine früheren Verbündeten ohne Vorwarnung angegriffen.

Aus dem daraus erwachsenden Vier-Fronten-Krieg (außer mit Serbien und Griechenland bekommt der Aggressor es auch mit dem Osmanischen Reich und dem zuvor neutralen Rumänien zu tun) geht Bulgarien als klarer Verlierer hervor und muss im Mitte August 1913 geschlossenen Frieden von Bukarest fast alle im Ersten Balkankrieg erzielten Gebietsgewinne wieder abtreten. Im Vertrag von Konstantinopel verzichtet das Land darüber hinaus auf Ostthrakien, das im Gegensatz zum deutlich kleineren Westthrakien erneut unter osmanische Herrschaft fällt. Darüber hinaus sieht der Vertrag einen geregelten Bevölkerungsaustausch vor: Zehntausende Muslime und Bulgaren aus dem jeweiligen Grenzgebiet sollen umgesiedelt werden – ein Novum im Völkerrecht, das in Wirklichkeit jedoch nur die bereits vollzogenen Vertreibungen nachträglich sanktioniert.

Die Friedensschlüsse des Herbstes 1913 beenden die Kriege auf der Balkan-Halbinsel formal, schaffen aber keine stabile Ordnung. Zu viele Fragen bleiben ungeklärt, zu tief sitzt die Verbitterung auf allen Seiten. Bulgarien, gedemütigt und isoliert, sinnt auf Revanche und sucht ähnlich wie das in der Region weiter auf dem Rückzug befindliche Osmanische Reich die Nähe zum Deutschen Reich und zu Österreich-Ungarn. Serbien hingegen, der eigentliche Sieger der Balkankriege mit nahezu verdoppeltem Territorium, rückt noch stärker in das Visier Österreich-Ungarns, das den südlichen Nachbarn als existenzielle Bedrohung für seine Vielvölker-Monarchie betrachtet. Es ist diese hochexplosive Gemengelage, die weniger als ein Jahr nach der Unterzeichnung des Vertrags von Konstantinopel einen Funken findet: Das am 28. Juni 1914 in Sarajevo verübte Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand löst eine Kettenreaktion aus, die Europa knapp fünf Wochen später in den Strudel des Ersten Weltkriegs zieht.

Ob Emils 1886 in Bloherfelde geborener Vater am Krieg teilnimmt, ist heute in der Familie nicht mehr bekannt. In den amtlichen deutschen Verlustlisten, die auch schwer oder leicht verwundete Soldaten aufführen, taucht sein Name nicht auf – was freilich nichts heißen muss. Wie auch immer: Emil wächst in dieser dunklen Zeit mit seinen drei Geschwistern (der jüngste Bruder Heinrich kommt im Juli 1915 hinzu) unter dem Eindruck der sich von Jahr zu Jahr weiter verdüsternden Kriegsnachrichten in Tweelbäke auf dem rund fünf Hektar großen Hof auf, den seine Eltern 1913 gekauft haben. Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite liegt der Hof der Großeltern Lüder Diedrich und Anna Sophie Ahlers, von dem Mutter Lenchen stammt (heute: Georg Bleckwehl).

Wird Emil 1920 – der Krieg ist inzwischen verloren, Kaiser Wilhelm II. hat abgedankt – noch in die für den östlichen Teil Tweelbäkes zuständige Volksschule eingeschult? Diese Frage lässt sich nicht mehr eindeutig beantworten, denn irgendwann im Frühjahr jenes Jahres verlässt Johann Bleckwehl mit seiner Familie die beschriebene Hofstelle und kauft dafür einen aufgrund des Autobahn-Baus in den 1970er Jahren heute nicht mehr bestehenden Hof im westlichen, zu Oldenburg gehörenden Teil des Dorfes. Spätestens von da an besucht Emil die für diesen Bereich zuständige Schule am Borchersweg.

Zum neuen Besitz gehören nur etwa zwei Hektar Land, er eignet sich also kaum als Haupterwerb. Sehr wahrscheinlich tritt Emils Vater deshalb schon 1920 in die Dienste der Deutschen Reichsbahn, wo er in den folgenden Jahren im Rangierdienst arbeitet. Belegt in einer frei zugänglichen Quelle ist diese Tätigkeit erstmals in einem Adressbuch der Stadt Oldenburg aus dem Jahre 1927. Im darauffolgenden Jahr verlässt Emil die Schule und beginnt eine Feinmechaniker-Lehre beim 1893 als Schmiede gegründeten Zweirad-Spezialisten Vosgerau am Damm. Dabei lernt er nicht nur Fahrräder und Motorräder zu reparieren, sondern auch Grammophone, Radios und Nähmaschinen.

Emils Ausbildung wird überschattet von der 1929 in den USA ausbrechenden Weltwirtschaftskrise. Sie greift zwei Jahre später auch auf Deutschland über und bringt Anfang 1933 die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler an die Macht. Ungeachtet aller radikalen Veränderungen im NS-Staat bleibt Emil in den folgenden Jahren seinem Arbeitgeber treu, legt die Meisterprüfung ab und macht sich für Firmeninhaber Fritz Vosgerau quasi unentbehrlich. Die Zusammenarbeit endet allerdings jäh mit dem von Hitler befohlenen Überfall auf Polen. Er löst im September 1939 den Zweiten Weltkrieg aus, in dessen weiterem Verlauf neben seinen drei Brüdern auch Emil zur Wehrmacht einberufen wird.

Über die folgenden Jahre in Emils Leben ist nur Bruchstückhaftes bekannt. Erzählungen aus der Familie zufolge soll er vor oder während seines Einsatzes an der Ostfront in der Nähe von Breslau einquartiert gewesen sein und dabei seine künftige Ehefrau Hilde Großmann kennengelernt haben. Wann genau? Dazu fehlen ebenso exakte Informationen wie zu der Frage, ob aus den beiden bereits zu diesem Zeitpunkt ein festes Paar wird. In jedem Fall verlässt Hilde, als Flak-Helferin dienstverpflichtet, noch vor Kriegsende im Frühjahr 1945 ihre Heimat und kommt anschließend mit ihrer Mutter bei Emils Eltern in Tweelbäke-West unter. Ferner gibt es die von Emil selbst gern erzählte Episode, dass er zeitweise auf dem Gelände des Bremer Tabakwaren-Multis Martin Brinkmann AG mit einem von ihm bedienten Scheinwerfer an der Luftverteidigung der Hansestadt mitwirkt. Bei diesen Einsätzen wird er regelmäßig mit Zigaretten versorgt, die er, obwohl Nichtraucher, gern annimmt und gewinnbringend an Dritte weitergibt.

Im November 1944 gerät Emils jüngerer Bruder Heinrich in sowjetische Gefangenschaft, in der er dem Vernehmen nach buchstäblich verhungert. Ein Schicksal, das dem in einem US-Lager gefangenen Bruder Hermann erspart bleibt. Er kehrt zwar erst spät in die Heimat zurück, kann dann aber mit Ehefrau Johanne den 1944 von Großvater Lüder Diedrich Ahlers geerbten Hof in Tweelbäke-Ost weiterführen. Johannes Bleckwehl wiederum, im Verlaufe des Krieges schwer verwundet, bleibt bis zum Autobahn-Bau mit Ehefrau Hinrike und den Kindern Irmtraud und Günter auf der elterlichen Hofstelle in Tweelbäke-West wohnen.

Bei Vosgerau am Damm ist der Betrieb mit dem Tod von Firmenchef Fritz Vosgerau Anfang 1945 vorübergehend zum Erliegen gekommen. Allen von den britischen Besatzungsbehörden verfügten Einschränkungen zum Trotz beschließt Emil deshalb nach seiner Hochzeit mit Hilde Großmann im September 1945, sich sobald wie möglich selbstständig zu machen. Wann und unter welchen Umständen Emil die Lizenz zur Pacht einer an der Bremer Heerstraße in Osternburg gelegenen Esso-Tankstelle erhält, liegt heute im Dunkeln. Dass er damit für das beginnende Wirtschaftswunder der im Mai 1949 aus der Taufe gehobenen Bundesrepublik Deutschland bestens positioniert ist, steht jedoch außer Frage: Spätestens mit Aufhebung der letzten Rationierungsmaßnahmen für Benzin im Frühjahr 1950 dürfte das Geschäft brummen.

Privat müssen Hilde und Emil in dieser Zeit einige Schicksalsschläge hinnehmen, ihren Wunsch nach Kindern betreffend. Der im März 1947 geborene Sohn Helmut lebt nur drei Wochen, eine im April 1951 hinzugekommene Tochter namens Hildegard gar nur wenige Stunden. Die in der Sterbeanzeige des Pius-Hospitals vermerkte Todesursache Erythroblastose deutet auf eine Blutgruppen-Unverträglichkeit zwischen Mutter und Kind hin – zur damaligen Zeit ein nahezu unüberwindliches Hindernis. Ein letzter Versuch (es wäre wieder ein Junge geworden) endet im Dezember 1958 denn auch mit einer Totgeburt.

Zu diesem Zeitpunkt hat Emil beruflich bereits den nächsten Schritt unternommen und in Altmoorhausen die Schmiede von Siebo Bolte (heute: Hans Witte) gepachtet. Dazu gehört neben einem 1929 erbauten Wohnhaus eine eigene Werkstatt, so dass Emil nicht nur Benzin verkauft, sondern nebenher – wie er es bei Vosgerau gelernt hat – Motorräder, Fahrräder, Nähmaschinen und später auch Autos reparieren kann. Zudem vermietet er einen eigens zu diesem Zweck angeschafften VW-Bus für Hochzeiten und Gesellschaftsfahrten.

Wie findet man in Altmoorhausen in den 1950er Jahren als Zugezogener am schnellsten Anschluss? Richtig, über den örtlichen, zusammen mit dem Nachbardorf Hemmelsberg betriebenen Schützenverein. Dem tritt Emil nicht nur bei, er übernimmt dort 1962 auch den Posten des ersten Vorsitzenden. Ein Amt, das er bis 1980 ausübt und in dem er neben vielen anderen Aktivitäten den Bau eines eigenen Schützenhauses vorantreibt. Sein Herzenswunsch, den Verein in dieser Zeit nach außen hin wenigstens einmal nicht nur als Vorsitzender, sondern auch als Schützenkönig vertreten zu dürfen, bleibt ihm allerdings allen immer wieder unternommenen Versuchen zum Trotz verwehrt. Im Gedächtnis geblieben dazu ist Emils leicht gequälter Ausspruch „Ich geh ja so gern zum Schießen, wenn nur das Schießen nicht wär“.

In den 60er und 70er Jahren bildet Emil in seiner Altmoorhauser Werkstatt diverse Lehrlinge aus der näheren Umgebung aus, unter anderem Werner Wilkens, Horst Wiechmann, Wilfried Spreen und Georg Köhrmann. In den Jahren vor ihrem Tod im November 1971 wohnt Schwiegermutter Elisabeth Großmann im Obergeschoss, danach dann deren Schwester Gertrud Stöber. Engen Kontakt hält Emil in dieser Zeit zur Familie von Bruder Hermann, der 1965 auf seinem Hof in Tweelbäke durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen ist. Für dessen 1967 geborenen Enkel Hergen übernimmt Emil die Patenschaft.

Die Entscheidung, die Werkstatt 1976 schon zwei Jahre vor dem 65. Geburtstag in jüngere Hände zu geben und Altmoorhausen zu verlassen, fällt Emil nicht leicht. Als Altersruhesitz kauft er für Hilde und sich ein Haus an der Bremer Heerstraße in Oldenburg, Ecke Largauweg. Dort die Hände in den Schoß zu legen, kommt ihm allerdings nicht in den Sinn. So arbeitet er nebenbei noch eine Zeitlang für den Oldenburger Fahrrad-Fabrikanten Lehmkuhl und richtet, um mit Nachbarn und Bekannten im Gespräch zu bleiben, in seiner Garage eine eigene kleine Fahrradwerkstatt ein. Auch nach Altmoorhausen zieht es ihn in den folgenden Jahren immer wieder – nicht nur zu Veranstaltungen des Schützenvereins, sondern auch mit den Mitgliedern seiner Männerrunde „Große Kanonen“ zum regelmäßigen Kegeln in der Gastwirtschaft von Dieter Wicht.

Emil stirbt am 14. Dezember 1997, zwei Monate nach seinem 84. Geburtstag. Beigesetzt ist er fünf Tage später auf dem Alten Osternburger Friedhof.