Hedwig Janzen – Biographie

Hedwig Alwine Janzen wird am 24. Dezember 1928 als erstes Kind von Willi Meyer und Emma Meyer in Oldenburg geboren. Sie ist die ältere Schwester von Anita Hülsebusch und Hilde Geerken.

In den Wochen um Hedwigs Geburt schreitet die seit Monaten schwelende Radikalisierung der in Schleswig-Holstein gegründeten Landvolkbewegung weiter voran. Auslöser der wachsenden Unruhen ist eine schwere Agrarkrise: Die Landwirtschaft in Deutschlands nördlichster Provinz hat seit dem Ersten Weltkrieg von der Substanz gelebt. Notwendige Investitionen sind unterblieben, die Hyperinflation des Jahres 1923 hat die letzten Rücklagen vernichtet. Sinkende Erzeugerpreise, ein gegenüber der Kaiserzeit auf das Dreifache gestiegenes Zinsniveau und Hochwasserschäden der Jahre 1926 und 1927 bringen zahlreiche Höfe in Bedrängnis, während die Finanzämter fällige Steuern unnachsichtig eintreiben und immer häufiger Vieh und Inventar zwangsversteigern lassen. Dagegen setzen sich die Bauern zur Wehr – angefangen von spontanen Massenversammlungen im Januar 1928 bis zum „Beidenflether Ochsenfeuer“ am 19. November. An diesem Tag verzögern in der namensgebenden Gemeinde rund 200 mit Knüppeln bewaffnete Anhänger der Landvolkbewegung die Zwangspfändung zweier Ochsen und schlagen die angerückten Gemeindediener zunächst in die Flucht. Erst einige Tage später gelingt der Abtransport. Bei der anschließenden Versteigerung kaufen dann jedoch Sympathisanten die Tiere und geben sie ihren Besitzern zurück.

Ein öffentlichkeitswirksamer Prestige-Erfolg, der jedoch die Frage nach dem weiteren Vorgehen aufwirft. Während ein Teil der Landvolk-Anhänger mit Wilhelm Hamkens an der Spitze weiter auf Kundgebungen, Steuer-Boykotte und die Behinderung von Pfändungen setzt, ruft eine um Hamkens Gegenspieler Claus Heim gebildete Fraktion zum offenen Kampf gegen den Staat auf. Sie nutzt ihre Kontakte zu ehemaligen Freikorps-Angehörigen und verübt zwischen Mai und September 1929 mehr als ein Dutzend Sprengstoff-Anschläge, vorrangig auf Finanz- und Landratsämter. Obwohl dabei niemand körperlich zu Schaden kommt, ist eine harte Reaktion der derart angegriffenen Obrigkeit programmiert: Am 1. September 1929 wird Heim mit weiteren Mittätern verhaftet und im Oktober 1930 in einem vielbeachteten Prozess zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die desolate Lage der Landwirtschaft ist Ende der 1920er Jahre auch in Hedwigs Heimat, dem Freistaat Oldenburg, ein wichtiges Thema. Wie in Schleswig-Holstein treiben die Behörden fällige Steuern unbarmherzig ein. Zwangsvollstreckungen sind an der Tagesordnung und schüren unter den Betroffenen Wut auf Staat und Regierung. In der Nacht zum 3. Juni 1929 detoniert eine Bombe vor dem Oldenburger Landesfinanzamt – dies ebenfalls eine Tat, die auf das Konto der Gruppe um Claus Heim geht.

Nicht gerade das stabilste Umfeld also, in das Hedwig hineingeboren wird. Denn wie ein Großteil ihrer Nachbarn in Altmoorhausen leben auch Hedwigs Eltern von der Landwirtschaft. Emma und Willi Meyer führen einen rund zwölf Hektar großen Hof am südlichen Rand des Dorfes (heute: Dietrich und Irmgard Schmidt) – gemeinsam mit Willis Vater Heinrich Meyer, der ihn 1912 gekauft hat. Heinrichs Ehefrau Hermine, Hedwigs Großmutter, ist im Oktober 1927 verstorben. Das zweite, noch komplette Großeltern-Paar lebt ganz in der Nähe: Bernhard und Adeline Ahrens nennen einen Hof in Munderloh ihr Eigen, den sie zusammen mit ihrem ältesten Sohn Hermann Ahrens bewirtschaften.

Müssen Ende der 20er Jahre vor allem Bauern um ihre Existenz kämpfen, so bedroht zu Beginn des neuen Jahrzehnts die aus den USA herüberschwappende Weltwirtschaftskrise weitere Bevölkerungsgruppen mit Armut und Elend. Ein idealer Nährboden für die von Adolf Hitler geführten Nationalsozialisten. Sie verzeichnen bei Reichs- und Landtagswahlen enorme Zuwächse und übernehmen im Januar 1933 die Regierung. Eine echte Zäsur, nach der sich die wirtschaftliche Lage der meisten „Volksgenossen“ zunächst zwar etwas bessert. Der Preis dafür ist allerdings hoch: Schon wenige Monate nach der Machtübernahme ist der Rechtsstaat ausgehebelt und die Demokratie faktisch abgeschafft. Die nun herrschende NS-Diktatur kommt mit nur einer Partei aus, die angebliche „Volksfeinde“ und alle, die sich ihr nicht unterwerfen wollen, mit brutalem Terror verfolgt.

Die NS-Ideologie macht auch vor den Schulen nicht Halt. Im Gegenteil – gilt es doch, schon die Jüngsten im Sinne des Regimes zu manipulieren. Für Hedwig ist es deshalb nach ihrer Einschulung im Frühjahr 1935 vermutlich die normalste Sache der Welt, ihren Lehrer Friedrich Hartmann mit „Heil Hitler“ zu grüßen und zu Beginn ihres vierten oder fünften Schuljahres (am 20. April, dem „Führergeburtstag“) in den Jungmädelbund aufgenommen zu werden. Zu Hedwigs gleichaltrigen Mitschülerinnen auf diesem Weg gehören unter anderem Almut Heyne und Helga Schweers – letztere übrigens wie Hedwig am Heiligabend des Jahres 1928 geboren.

Knapp vier Monate vor dem gemeinsamen elften Geburtstag beginnt am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Ausgelöst durch den deutschen Überfall auf Polen, den die NS-Propaganda natürlich gänzlich anders darstellt („Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“). Die Konsequenz („Von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten“) bekommt Hedwig in den folgenden Jahren mehr als einmal zu spüren: Bei vielen ihrer insgesamt 173 Luftangriffe auf die nahegelegene Großstadt Bremen überfliegen alliierte Bomber auf dem Rückweg Altmoorhausen und werfen dort überzählige Luftminen ab. Eine davon setzt den Schweinestall des Meyer-Hofes in Brand, richtet aber am Hauptgebäude glücklicherweise keine oder nur geringe Schäden an.

Im Frühjahr 1943 – kurz nach der Schlacht von Stalingrad und kurz vor der Niederlage im Afrika-Feldzug – beendet Hedwig die Schule. Irgendwann danach geht sie in Hurrel „bei Schütte“ in Stellung. Sehr wahrscheinlich handelt es sich hierbei um den relativ großen und auf familienfremde Arbeitskräfte angewiesenen Hof von Dietrich und Anni Schütte (heute: Michael und Meike Helmers), nicht um die von Diedrich Schütte und seinem Sohn Johann betriebene Schmiede im südlichen Teil des Dorfes (heute: Manfred und Heike Köster). Als britische und kanadische Truppen im Frühjahr 1945 die Region einnehmen und die Kapitulation der Wehrmacht schließlich den Krieg beendet, lebt Hedwig aber vermutlich noch in Altmoorhausen.

Die Jahre bis zur Währungsreform vom Juni 1948 sind in Altmoorhausen wie überall im am Boden liegenden Nachkriegs-Deutschland eine schwierige Zeit, an die Hedwig nur wenige gute Erinnerungen haben dürfte. Dazu gehört aber sicher die zwei Tage vor Einführung der D-Mark gefeierte Hochzeit ihrer Nachbarin und Schulfreundin Anneliese Sparke mit Willi Wiechmann – ist dieses Ereignis doch ein weiterer Beleg dafür, dass das Leben für all jene, die dem Krieg entkommen sind, weitergeht und durchaus schöne Seiten bereithält. Schon bald auch für Hedwig, durch ihre Verbindung mit Helmut Janzen aus Nordenholzermoor. Sie und Helmut verloben sich im Juni 1950 und treten elf Monate später in Hude vor den Traualtar.

Mit Helmut und der im Oktober 1951 geborenen Tochter Lore wohnt Hedwig zunächst bei ihren Schwiegereltern in Nordenholzermoor. Helmut betreibt eine eigene Schuhmacher-Werkstatt in Hude und legt 1953 seine Meisterprüfung ab. Im April 1955 macht Sohn Harro die Familie komplett. Als Harro drei Jahre alt ist, ziehen Hedwig und Helmut mit den beiden Kindern in eine kleine, in unmittelbarer Nähe der damaligen Volksschule Hohelucht gelegene Mietwohnung. Der ursprüngliche Plan, in der Hermannstraße ein Eigenheim zu bauen, zerschlägt sich: Weil in Altmoorhausen in der Zwischenzeit beide Schwestern geheiratet und den Meyer-Hof verlassen haben, kehrt Hedwig im Frühjahr 1961 mit der Familie nach Hause zurück und unterstützt fortan ihre Eltern auf dem Betrieb. Der freilich von 1963 an – im September jenes Jahres vollendet Vater Willi das 65. Lebensjahr – nur noch als Nebenerwerb existiert.

Während Helmut von Altmoorhausen nach Hude pendelt und dort seine in der Parkstraße angemietete Werkstatt weiterführt, fügt Hedwig sich an der alten Wirkungsstätte rasch wieder ein. Ihre langjährige Freundin Anneliese Wiechmann lebt weniger als einen Kilometer entfernt, und auch andere ehemalige Schulkameradinnen wohnen noch immer vor Ort. Ein Stück weit eine heile Welt also, die allerdings Ende der 60er Jahre erste Risse bekommt. Helmuts durch eine Lungenkrankheit schon länger angeschlagene Gesundheit verschlechtert sich weiter, so dass er 1972 (kurz vor der Hochzeit von Tochter Lore mit Klaus Musiol aus Delmenhorst) seine Selbstständigkeit aufgeben muss. Zwar findet er in der Kleiderkammer der Oldenburger Polizei rasch eine neue Anstellung. Eine Heilung schließen die behandelnden Ärzte jedoch aus, was Hedwig seelisch stark belastet.

Helmut stirbt im Oktober 1977 – knapp zehn Monate nach Willi Meyer, der zu Jahresbeginn überraschend einem Herzinfarkt erlegen ist. Statt fünf Personen leben nun außer Hedwig nur noch Mutter Emma und Sohn Harro auf dem Meyer-Hof. Nach der kompletten Aufgabe der Landwirtschaft entsteht im ehemaligen Schweinestall zusätzlicher Wohnraum, den zunächst Harro (er heiratet im Juni 1984 Elke Rudolph aus Wüsting) und seine Ehefrau in Beschlag nehmen. Im November 1987 wird Hedwig dann nach der Geburt von Lores Kindern Sonja (September 1973) und Matthias (Juli 1981) ein drittes Mal Großmutter: Schwiegertochter Elke bringt Tochter Bea zur Welt. Sie sieht Hedwig schon bald in nächster Nähe aufwachsen, denn Harro und Elke (vorübergehend nach Hude verzogen) kehren nach einem weiteren Ausbau (dieses Mal wird die Diele zu zusätzlichem Wohnraum) nach Altmoorhausen zurück.

Das Schicksal, früh zur Witwe geworden zu sein, teilt Hedwig mit Anneliese Wiechmann: Ihr Ehemann ist bereits 1966 verstorben. Die beiden langjährigen Freundinnen unternehmen in den 80er Jahren manches gemeinsam und sind unter anderem Mitglieder eines Frauen-Kegelclubs, der sich alle vier Wochen in der Gaststätte von Dieter und Karin Wicht (heute: Crown Event Location) trifft. Eine ihrer seltenen Urlaubsreisen führt Hedwig mit Tochter Lore und Schwiegersohn Klaus Anfang der 80er Jahre nach Sankt Peter-Ording an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste.

Als Mutter Emma gegen Ende des Jahrzehnts an einer Gürtelrose erkrankt, übernimmt Hedwig ihre Pflege. Emma erholt sich, doch Hedwigs seit Helmuts Tod stetig wiederkehrende Phasen tiefer Niedergeschlagenheit verstärken sich und machen schließlich die Behandlung in einer Bremer Fachklinik erforderlich. Dort stirbt Hedwig am 15. Dezember 1991, neun Tage vor ihrem 63. Geburtstag. Beerdigt ist sie am 19. Dezember 1991 auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.