Helmut Janzen – Biographie

Helmut Heinrich Janzen wird am 7. August 1926 als zweites Kind von Hinrich Janzen und Sophie Janzen in Nordenholzermoor geboren. Er ist der jüngere Bruder von Heinrich Janzen und der ältere Bruder von Hilde Meyer.

Einen Tag vor Helmuts Geburt durchschwimmt Gertrude Ederle als erste Frau den Ärmelkanal. Für die 34 Kilometer lange Strecke von Cap Gris-Nez nach Dover benötigt die US-Amerikanerin 14 Stunden und 34 Minuten. Ederle ist damit knapp zwei Stunden früher im Ziel als der bisherige Rekordhalter Enrique Tirabocchi. Eine von der Presse begeistert gefeierte Sensation – zumal Ederle mit äußerst widrigen Bedingungen zu kämpfen hat: Regen, Sturm, hoher Wellengang und die gegen sie gerichtete Strömung treiben die Staffel-Olympiasiegerin von Paris (4-mal-100-Meter-Freistil) immer wieder vom direkten Kurs ab. Insgesamt legt sie dadurch 56 Kilometer im Wasser zurück.

Für Ederles Triumph gibt es mehrere Gründe. So hat die 20-Jährige mit Thomas William Burgess einen Trainer, der den Kanal 1911 selbst durchschwommen hat, und sie bereitet sich monatelang gezielt vor. Gegen Kälte und Quallen reibt sie sich am Start mit einer Mischung aus Wollfett, Schweineschmalz, Olivenöl und Vaseline ein, ihre Schwimmbrille dichtet sie mit Paraffin ab. Hinzu kommt der Schwimmstil. Alle fünf Männer, die den Kanal vor ihr bezwungen haben, schwimmen Brust. Ederle hingegen setzt auf Kraul – ein Stil, der bis dahin als zu kraftraubend für lange Strecken gilt.

Der Jubel bleibt nicht auf die USA beschränkt. Ederles Vater stammt aus Bissingen an der Teck in Württemberg, wo noch immer eine Großmutter lebt. Am 12. August trifft Ederle deshalb zu einem Besuch in Stuttgart ein und wird dort einem Bericht der Oldenburger Tageszeitung „Nachrichten für Stadt und Land“ zufolge „wie eine Fürstin“ empfangen. Eine große Menschenmenge füllt die beflaggte Bahnhofshalle, der Verkehr im Umfeld steht nahezu still. Ihre Heimatstadt New York wiederum feiert Ederle bei der Rückkehr am 27. August mit einer Konfetti-Parade, der Schätzungen zufolge mehr als eine Million Menschen beiwohnen.

Ederles Rekord hält gerade einmal 24 Tage. Ihr Erfolg löst nämlich eine Art „Kanal-Fieber“ aus: Diverse Schwimmer versuchen sich innerhalb weniger Wochen an der Überquerung, begleitet von zahlreichen Schaulustigen. Am 30. August 1926 unterbietet der Kölner Ernst Vierkötter Ederles Zeit mit 12 Stunden und 38 Minuten deutlich. Ihm folgt am 10. September 1926 der Franzose Georges Michel, der mit 11 Stunden und 5 Minuten noch einmal 93 Minuten weniger benötigt. Ein Fabel-Rekord, der bis 1950 Bestand haben wird.

Während deutsche Zeitungen auch Vierkötters Erfolg gebührend herausstellen, fallen die Meldungen über Michels Rekord erwartungsgemäß deutlich nüchterner aus. Aus damaliger Sicht verständlich: Der Erste Weltkrieg liegt gerade einmal acht Jahre zurück, und vielen Deutschen gilt Frankreich noch immer als Erbfeind. Immerhin, nach dem Ende der Ruhrbesetzung im Sommer 1925 sind zwischen den beiden Staaten deutliche Fortschritte in den gegenseitigen Beziehungen zu verzeichnen, etwa mit einem am 5. August 1926 – also zwei Tage vor Helmuts Geburt – unterzeichneten vorläufigen Handelsabkommen. Ihm folgt fünf Wochen später die Aufnahme des Deutschen Reiches in den Völkerbund. Ein wichtiger Erfolg der Reichsregierung unter Kanzler Wilhelm Marx und Außenminister Gustav Stresemann. Er beendet die jahrelange politische Isolation des Landes, das laut Versailler Vertrag als Haupt-Kriegsschuldiger gilt. Die von den Siegern auferlegten Reparationen bremsen jedoch weiter die wirtschaftliche Entwicklung der 1918 ausgerufenen Republik.

Trotz der schwierigen Zeiten ist es Helmuts Eltern gelungen, kurz vor seiner Geburt am nordwestlichen Rand von Nordenholzermoor ein Siedlungshaus zu bauen. Dazu gehören rund zwei Hektar Land, auf dem Hinrich und Sophie Janzen mit zwei Kühen, zwei Schweinen und einer Schar Hühner in kleinem Stil Landwirtschaft betreiben. Auch Torfabbau spielt als Nebenerwerb eine Rolle. Den Lebensunterhalt für die Familie verdient Vater Hinrich allerdings in erster Linie als Waldarbeiter bei der Revierförsterei im Hasbruch. Aufgewachsen ist er auf dem nahegelegenen Hof von Helmuts Großeltern Hermann und Gesine Janzen. Dort verbringen Helmut und der dreieinhalb Jahre ältere Bruder Heinrich als Kinder vermutlich viel Zeit.

Mutmaßlich im Frühjahr 1933 wird Helmut in die von seinem Elternhaus nur knapp einen Kilometer entfernt liegende Volksschule an der Blumenstraße eingeschult – zu einem Zeitpunkt also, an dem der später ganz auf Adolf Hitler zugeschnittene NS-Staat die Weimarer Republik bereits abgelöst hat. Dadurch ist Helmuts komplette Schulzeit von massiver nationalsozialistischer Indoktrination und der gezielten Vorbereitung darauf geprägt, eines Tages als Soldat für „Führer, Volk und Vaterland“ in einen neuen Krieg zu ziehen. Dieser beginnt am 1. September 1939 mit dem von langer Hand vorbereiteten Überfall auf Polen. Am knapp zwei Jahre später gestarteten Feldzug gegen die Sowjetunion nimmt auch Helmuts Bruder Heinrich teil. Er stirbt im November 1942 bei der Belagerung Leningrads.

Helmut absolviert derweil im Hasbruch eine Ausbildung zum Waldarbeiter. Im September 1943 wird er zum Reichsarbeitsdienst einberufen und direkt im Anschluss daran zur Wehrmacht. Er kommt an die Italien-Front, wo er eine schwere Beinverletzung davonträgt und das Kriegsende in einem Lazarett in Cortina d’Ampezzo erlebt. Von dort gelangt er ohne längere Gefangenschaft wieder nach Hause. Zurück in Nordenholzermoor nimmt er zunächst seine Tätigkeit im Hasbruch wieder auf, fühlt sich aber durch seine Kriegsverletzung den körperlichen Anforderungen des Berufes nicht mehr gewachsen. Am 1. März 1946 beginnt er deshalb eine Schuhmacher-Lehre bei Adolf Müller in Bookholzberg. In dieser Zeit lernt er seine künftige Ehefrau Hedwig Meyer aus Altmoorhausen kennen. Mit ihr tritt er am 25. Mai 1951 in Hude vor den Traualtar.

Nach der Hochzeit lebt Helmut mit Hedwig zunächst weiter im Siedlungshaus seiner Eltern, zusammen mit Helmuts damals 14-jähriger Schwester Hilde. Dort finden auch die 1951 und 1955 geborenen Kinder Lore und Harro ein erstes Zuhause. Noch vor der im August 1959 gefeierten Hochzeit von Hilde mit Günter Meyer aus Hohenböken werden jedoch die künftigen Eigentumsverhältnisse geklärt, und Helmut zieht mit seiner Familie in eine der damaligen Volksschule Hohelucht gegenüberliegende Mietwohnung.

Ein auf Dauer eher beengtes Domizil, das nach baldiger Veränderung ruft. Beruflich läuft es für Helmut in jenen Jahren gut: Nach einer zwischenzeitlichen Anstellung beim Orthopädie-Schuhmacher Johann Einemann in Delmenhorst hat er sich schon 1952 selbstständig gemacht und nach bestandener Meisterprüfung eine Werkstatt im Zentrum von Hude angemietet. Der Gedanke an ein privat wie möglicherweise auch geschäftlich nutzbares Eigenheim liegt da nahe – und rückt mit dem Kauf eines Baugrundstücks in der Hermannstraße in greifbare Nähe. Doch es kommt anders. Zu Beginn des neuen Jahrzehnts bitten Hedwigs Eltern Willi und Emma Meyer ihre Tochter, sie auf ihrem Hof in Altmoorhausen (heute: Dietrich und Irmgard Schmidt) zu unterstützen. Daraufhin zieht Helmut mit seiner Familie im Frühjahr 1961 auf den Hof der Schwiegereltern. Dem Umzug unmittelbar voraus geht der tragische Tod von Helmuts Vater: Hinrich Janzen stirbt im November 1960 bei einem Arbeitsunfall im Kimmer Holz.

Während Ehefrau Hedwig mit ihren Eltern den von 1963 an nur noch im Nebenerwerb betriebenen Hof bewirtschaftet, pendelt Helmut in seinem grasgrünen VW-Käfer täglich von Altmoorhausen in seine Werkstatt nach Hude. Dem von Ferdinand Porsche bereits in den 1930er Jahren entwickelten Volkswagen-Modell bleibt Helmut bis in die 70er Jahre hinein treu – allein die Farbe wechselt, von Grasgrün über Anthrazit nach Beige. Im VW-Käfer unternimmt Helmut auch den einzigen längeren Familienurlaub, der ihn 1966 mit Hedwig, Lore und Harro für eine Woche in den Schwarzwald führt.

Helmut ist passionierter Raucher, mit auf lange Sicht fatalen Folgen für seine Gesundheit. Erste Lungen-Beschwerden treten bereits früh auf und nehmen danach kontinuierlich zu. Am Ende sind sie so gravierend, dass er 1972 die Selbstständigkeit aufgeben muss. Zwar findet er in der Kleiderkammer der Oldenburger Polizei schnell eine neue Anstellung. Eine gesundheitliche Besserung tritt dadurch jedoch nicht ein. Aktivitäten in der freien Natur (seit den Tagen als Waldarbeiter ein wichtiger Ausgleich) fallen Helmut deshalb immer schwerer. Ein langjähriges Hobby, das ihm bis zum Schluss bleibt, ist das Skatspiel – unter anderem mit den Nachbarn Helmut Osterloh, Johann Mohrschladt, Hans Meyer und Günter Sudhop.

Die letzten zwei Wochen seines Lebens verbringt Helmut im Peter Friedrich Ludwigs Hospital in Oldenburg, angeschlossen an ein Beatmungsgerät. Dort stirbt er am 16. Oktober 1977 im Alter von nur 51 Jahren. Beerdigt ist Helmut vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.