Willi Meyer – Biographie

Willi Meyer wird am 12. September 1898 als zweites Kind von Heinrich Meyer und Hermine Meyer auf dem Hof seines Onkels Friedrich Heinemann in Bäke bei Köterende geboren. Er ist der jüngere Bruder von Elise Backenköhler.

Sechs Tage vor Willis Geburt wird in Amsterdam Königin Wilhelmina in ihr Amt eingeführt. Die gerade 18 Jahre alt gewordene Herrscherin aus dem Haus Oranien-Nassau besteigt als erste offiziell regierende Frau den niederländischen Thron, der ihr bereits 1890 beim Tod ihres Vaters Wilhelm III. zugefallen ist. Wilhelm hatte zwar aus erster Ehe drei Söhne, die aber alle vor ihm verstorben sind. Der zweiten Ehe mit der deutschen Fürstentochter Emma zu Waldeck und Pyrmont (sie hat das Land acht Jahre lang stellvertretend als Titularkönigin regiert) wiederum entstammt außer Wilhelmina kein weiteres Kind.

War Wilhelm bei den Niederländern aufgrund zahlreicher Eskapaden eher unbeliebt, so schlägt seiner Tochter von Beginn an eine Welle der Sympathie entgegen. Was Wilhelmina zum Teil Mutter Emma zu verdanken hat: Obwohl als gebürtige Deutsche zunächst des Niederländischen kaum mächtig, wirbt sie beispielsweise in den 1890er Jahren dafür, der in der Oberschicht ihrer neuen Heimat nicht unbedingt hoch angesehenen Landessprache einen höheren Stellenwert einzuräumen. Das kommt beim einfachen Volk gut an, so dass bei einer auf die Inthronisation folgenden Kutschfahrt durch die Straßen Amsterdams der Jubel auch Emma gilt. „In der Stadt herrschte überall große Begeisterung, die Königinnen wurden aufs Wärmste begrüßt“, schreibt dazu die Oldenburger Tageszeitung „Nachrichten für Stadt und Land“ in ihrer Ausgabe vom 7. September 1898.

Beliebt oder nicht – wann immer sich Angehörige von Herrscherhäusern im ausgehenden 19. Jahrhundert in die Öffentlichkeit begeben, setzen sie sich der Gefahr eines anarchistischen Attentats aus. Wie real diese Gefahr ist, zeigt sich nur wenige Tage später in der Schweiz: Als Österreichs inkognito reisende Kaiserin Elisabeth am 10. September 1898 in Genf Station macht, lauert ihr auf dem Quai du Mont-Blanc der italienische Hilfsarbeiter Luigi Lucheni auf. Ohne Vorwarnung attackiert er die Jahrzehnte später als „Sissi“ glorifizierte Kaiserin mit einer angespitzten Feile. Obwohl sie sich zunächst unverletzt glaubt, bricht Elisabeth wenig später zusammen und erliegt einer durch den Stich verursachten inneren Blutung. Auch das ein Ereignis, das wie zuvor Wilhelminas Thronbesteigung in den Niederlanden europaweit Schlagzeilen produziert – in Willis Heimat, dem Großherzogtum Oldenburg, sogar durch ein Extrablatt der „Nachrichten für Stadt und Land“ noch am Tag der Ermordung. Die ganze folgende Woche hindurch beherrscht das Thema den redaktionellen Teil der Zeitung.

Inwieweit die Ereignisse von Amsterdam und Genf in Bäke ein Thema sind, darüber lässt sich nur spekulieren. Gänzlich vorbei an Willis Familie gehen die Berichte aber vermutlich nicht. Bäke besteht zwar in jenen Jahren gerade einmal aus 20 Haushalten mit rund 80 Personen, das Oldenburger Stadtzentrum liegt jedoch weniger als 15 Kilometer entfernt. Den 1498 erstmals urkundlich erwähnten Heinemann-Hof hat Willis Großvater Hinrich Gerhard der „Neuenhuntorfer Chronik“ von Heino Vette zufolge 1854 für 1998 Goldtaler gekauft. Nach seinem Tod im Februar 1897 ist der Besitz an den jüngsten Sohn Friedrich gefallen, der drei Monate vor Willis Geburt Meta Catharine Hermine Mönnich aus Holle geheiratet hat. Mit den 1899 und 1900 aus dieser Ehe hervorgehenden Söhnen Heinrich und Hermann wächst Willi in den folgenden Jahren auf und besucht mit ihnen und seiner vier Jahre älteren, in der Familie nur Lily gerufenen Schwester die Volksschule in Buttel.

Über Willis Schulzeit selbst ist heute nichts mehr bekannt – nicht einmal, ob er sie in Buttel beendet. Denn irgendwann im Laufe des Jahres 1912 zieht die Familie von Bäke nach Altmoorhausen, wo Heinrich Meyer im äußersten Süden des Dorfes einen zuvor Johann Friedrich Ahrens gehörenden Hof (heute: Dietrich und Irmgard Schmidt) gekauft hat. Sollte Willi im Frühjahr 1905 eingeschult worden sein, so endet seine reguläre Schulzeit erst zu den Osterferien 1913 und er hätte noch ein Jahr in der Volksschule Altmoorhausen unter ihrem neuen Hauptlehrer Johann Folkers abzuleisten. Oder bleibt Willi noch einige Monate länger auf dem Hof seines Onkels, um in Buttel seinen Abschluss zu machen und vielleicht auch noch mit seinen dortigen Schulkameraden in der St.-Marien-Kirche in Neuenhuntorf konfirmiert zu werden? Möglich ist beides.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts reißt die Serie von Anschlägen auf die Mitglieder europäischer Königshäuser nicht ab. Im Juli 1900 stirbt dabei Italiens König Umberto, im Mai 1906 entgeht Spaniens König Alfonso XIII. nur knapp einem Attentat. Eine aus einem Hotelzimmer geworfene, in einem Blumenstrauß versteckte Bombe verfehlt die vorbeifahrende Kutsche des von seiner Hochzeit kommenden Monarchen, tötet allerdings 25 umstehende Soldaten und Schaulustige. In Lissabon schießen im Februar 1908 zwei Anarchisten auf die Kutsche von Portugals König Carlos und töten ihn und seinen ältesten Sohn Luis Filipe. Das gleiche Schicksal ereilt im März 1913 Griechenlands König Georg I. in Thessaloniki sowie im Juni 1914 den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie in Sarajevo. Letzteres ein Attentat, das nicht ohne Folgen bleibt – es löst Anfang August 1914 den Ersten Weltkrieg aus.

Bei Kriegsbeginn ist Heinrich Meyer 41 Jahre alt. Trotzdem nimmt er allem Anschein nach noch am Krieg teil. Darauf deutet zumindest ein etwa zu dieser Zeit aufgenommenes Foto hin, das Willis Vater in Uniform zeigt. Willi selbst ist mit 15 Jahren noch nicht im wehrfähigen Alter und wäre bei einem schnellen Ende des Krieges ganz sicher nicht mehr zum Einsatz gekommen. Der von der deutschen Militärführung erhoffte schnelle Sieg im Westen rückt jedoch mit der im Herbst 1914 verlorenen Schlacht an der Marne in weite Ferne. Eine Aufforderung zur Musterung scheint von daher nur eine Frage der Zeit.

Wann genau Willi zum Kriegsdienst herangezogen wird, liegt heute im Dunkeln, ebenso sein genauer Einsatzort. Das Einzige, was seine Familie in späteren Jahren an diese Zeit erinnern wird, sind zwei Landschildkröten-Häuser, die er von dort mitbringt und bis an sein Lebensende aufbewahrt. Das spricht für einen zumindest temporären Einsatz an der Südost-Front, etwa in Mazedonien oder im nördlichen Griechenland.

Die Rückkehr ins zivile Leben nach dem im November 1918 geschlossenen, für Deutschland einer Niederlage gleichkommenden Waffenstillstand von Compiègne dürfte Willi aller Erleichterung zum Trotz ähnlich schwerfallen wie Millionen anderen Schicksalsgenossen. Der oberste Kriegsherr Wilhelm II. hat abgedankt und sich in die Niederlande geflüchtet, wo Königin Wilhelmina ihm nicht zuletzt aus dynastischer Verbundenheit (ihre Urgroßmutter Wilhelmine von Preußen und Wilhelms Urgroßvater Friedrich Wilhelm III. waren Geschwister) Exil gewährt. Die Richtungskämpfe in der neu ausgerufenen Weimarer Republik drohen mehrfach in einen Bürgerkrieg abzudriften, und wirtschaftlich steht das vom Sozialdemokraten Friedrich Ebert als erstem Präsidenten repräsentierte Land angesichts der sich bald zur Hyperinflation ausweitenden Geldentwertung von Anfang an mit dem Rücken zur Wand. Ein Umfeld, das Schwester Lily – sie ist seit September 1920 mit dem gebürtigen Altmoorhauser Gerhard Backenköhler verheiratet – schließlich 1923 veranlasst, mit ihrem Ehemann und den 1921 und 1923 geborenen Kindern Hans Heinrich und Margarete in die USA auszuwandern.

Eine Option, die Willi für sich selbst offenbar nicht in Erwägung zieht. Er bleibt bei seinen Eltern auf dem rund zwölf Hektar großen Hof in Altmoorhausen – und erobert bald nach Lilys Auswanderung das Herz seiner künftigen Ehefrau. Emma Ahrens stammt aus dem Nachbardorf Munderloh, wo ihre Eltern einen Hof in ähnlicher Größenordnung bewirtschaften. Willi und Emma heiraten am 19. Mai 1927. Ein Ereignis, an dem Mutter Hermine vermutlich bereits schwerkrank teilnimmt, sie stirbt nur fünf Monate später. An Heiligabend 1928 wird Willi dann mit der Geburt von Tochter Hedwig zum ersten Mal Vater.

Als im November 1933 die zweite Tochter Anita zur Welt kommt, haben sich die politischen Verhältnisse in Deutschland um 180 Grad gedreht. Aus dem von Richtungskämpfen geprägten Vielparteiensystem der ehemals so weltoffenen Republik ist durch die Machtübernahme der von Adolf Hitler geführten Nationalsozialisten im Januar 1933 ein totalitärer Einparteienstaat geworden. Bald nach der Geburt der dritten Tochter Hilde im Januar 1938 lässt Hitler die zuvor nach außen stets gewahrte Maske des auf Frieden bedachten Staatsmannes fallen. Es folgen der Anschluss Österreichs, die Übernahme des zur Tschechoslowakei gehörenden Sudetenlandes und der Einmarsch in Tschechien. Innenpolitisch markiert der in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 eskalierende Terror gegenüber der jüdischen Bevölkerung einen ersten traurigen Höhepunkt. Am 1. September 1939 löst dann der Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus.

Der Internet-Seite „Lexikon der Wehrmacht“ zufolge nehmen in den folgenden Jahren mehr als 100.000 deutsche Männer des Jahrgangs 1898 am Kriegsgeschehen teil. Willi ist jedoch nicht darunter, er kann seinen Hof weiter bewirtschaften. Im September 1942 stirbt Vater Heinrich wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag. Eine Nachricht, die Willi seiner ausgewanderten Schwester vermutlich nur über den Nachrichtendienst des Roten Kreuzes zukommen lassen kann – seit Hitler-Deutschland im Dezember 1941 auch den USA den Krieg erklärt hat, sind direkte Kontakte unmöglich und alle erlaubten Wege streng zensiert. Dass bei einem der sich häufenden alliierten Luftangriffe auf Altmoorhausen der Schweinestall des Meyer-Hofes in Flammen aufgeht, erfährt Lily Backenköhler folglich erst sehr viel später. Immerhin, niemand aus Willis Familie kommt bei dem Angriff zu Schaden. Dasselbe gilt für die Einnahme Altmoorhausens durch kanadische Einheiten im Frühjahr 1945.

Nach Kriegsende lebt der Briefkontakt zwischen den Geschwistern wieder auf. Mit einiger Sicherheit schickt Lily, die mit Ehemann Gerhard im US-Bundesstaat Illinois eine 80 Hektar große Farm betreibt, der Familie ihres Bruders zu besonderen Anlässen wie Weihnachten oder Geburtstagen auch das eine oder andere Care-Paket. Im Dezember 1952 – ein halbes Jahr nach Willis und Emmas Silberhochzeit – reisen Lily und Gerhard in die alte Heimat und lernen bei dieser Gelegenheit nicht nur Willis und Emmas Töchter kennen, sondern auch ihren Schwiegersohn Helmut Janzen (er ist seit Mai 1951 mit Hedwig Meyer verheiratet) und die im Oktober 1951 geborene Enkeltochter Lore.

Das Jahr 1953, das vielen Zeitzeugen vor allem wegen des Volksaufstands in der DDR und dem erdrutschartigen Sieg der von Konrad Adenauer geführten CDU bei der Wahl zum zweiten westdeutschen Bundestag im Gedächtnis bleibt, ändert Willis Leben von Grund auf. Bei der Arbeit auf dem Hof ist er einen Moment lang unachtsam und gerät mit seinem rechten Arm in eine elektrische Torf-Mühle. Zum Glück gelingt es Emma relativ schnell, die starke Blutung zu stoppen. Retten lässt sich der Arm dennoch nicht, er muss amputiert werden. Willi erhält eine Prothese, die er aber nur selten trägt. Stattdessen verwendet er viel Zeit darauf, den Verlust durch Erfindungsreichtum auszugleichen. Denn der Betrieb soll und muss weiterlaufen – täglich sind acht Kühe, die dazugehörigen Kälber, ein Schwein und bis zu 300 Hühner zu versorgen. So entwickelt Willi unter anderem ein Seilsystem, mit dem sich eine Schubkarre mit nur einem Arm über weite Strecken schieben lässt.

Das Thema Hof-Nachfolge gestaltet sich schwierig. Die jüngste Tochter Hilde, eigentlich erbberechtigt, zieht nach ihrer Hochzeit mit Werner Geerken aus Hatterwüsting im Oktober 1958 auf den Hof der Schwiegereltern. Auch die nächstältere Tochter Anita und ihr Ehemann Emil Hülsebusch bleiben nur kurz. Daraufhin erklären sich im Frühjahr 1961 Helmut und Hedwig Janzen bereit, mit Tochter Lore und Sohn Harro nach Altmoorhausen zu ziehen. Seine in Hude etablierte Schuhmacher-Werkstatt betreibt Helmut Janzen gleichwohl weiter, so dass Willi mit Eintritt ins Rentenalter den größten Teil der zum Hof gehörenden Ländereien verpachtet.

Den Betrieb ganz aufgeben mag Willi freilich nicht. Er und Emma bewirtschaften auch nach 1963 einen kleinen Teil davon weiter. Dennoch bleibt im Alter mehr Zeit für andere Dinge – etwa für Aktivitäten mit den Enkelkindern oder Hobbys wie Puzzeln. Eine Beschäftigung, die Willis Hang zum Tüfteln entgegenkommt und bei der nicht viel gesprochen werden muss. Die für Männer seiner Generation nicht untypische Wortkargheit ist denn auch etwas, an das sich Enkeltochter Lore in der Rückschau neben dem fehlenden Arm zuallererst erinnert. Und daran, dass Willi gern Pfeife und Zigarre raucht.

Wie bei Schwester Lily – sie stirbt im November 1970 an einem Herzschlag – kommt einige Jahre danach auch Willis Tod plötzlich und unerwartet. Und auf ganz ähnliche Art und Weise, am 17. Januar 1977 durch Herzinfarkt. Beerdigt ist Willi vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.